Murry Sidlin: Sechzehnmal hundertfünfzig Stimmen

15. September 2016, 16:41
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Mit dem Konzertdrama "Defiant Requiem: Verdi at Terezín" erinnert Murry Sidlin im Wiener Konzerthaus an den von den Nazis ermordeten Dirigenten Rafael Schächter

Wien – In den späten Neunzigerjahren spazierte Murry Sidlin durch die Straßen von Minneapolis. Als der Dirigent in einem Buchladen herumstöberte, machte er eine Entdeckung: Music in Terezín. Er blätterte drin und stieß auf den Namen Rafael Schächters, eines Dirigenten, der 1905 in Rumänien geboren und 1941 in Theresienstadt inhaftiert worden war.

In diesem "Vorzeigelager", in dem künstlerische Betätigung erlaubt war, organisierte Schächter unter anderem die Aufführung von Verdis Requiem. Sechzehnmal wurde das monumentale Werk – mit Klavierbegleitung – aufgeführt, 150 Insassen wirkten dabei als Chorsänger mit. Sidlin konnte es nicht fassen. Wie war so etwas möglich? Was hatten die Mitwirkenden dabei empfunden? Und wer war dieser Rafael Schächter gewesen, der 1945 wahrscheinlich in Auschwitz ums Leben gekommen war?

Der US-Amerikaner recherchierte, er sichtete Filmmaterial, suchte den Kontakt zu Überlebenden von Theresienstadt und befragte sie. Aus all diesem Material schuf er schließlich ein neues, einzigartiges Werk der Erinnerung, das Defiant Requiem: Verdi at Terezín.

Sidlin hat dafür ein eigenes Genre erschaffen, das des Konzertdramas. In diesem Multimediaformat bilden historische Filmaufnahmen, Videointerviews mit Mitwirkenden, dramatisierte Dialoge und natürlich die Aufführung des Verdi-Requiems eine Einheit, die dem Zuhörer einen komplexen Einblick in die Ausnahmesituation von damals geben soll. Bei der Aufführung im Wiener Konzerthaus am kommenden Dienstag wird Sidlin das Orchester Wiener Akademie und den Tschechischen Philharmonischen Chor dirigieren, neben einem prominenten Solistenquartett wirken auch Julia Stemberger und Erwin Steinhauer mit.

"Ich will bewusstmachen", so Sidlin, "wie inspirierend, aufrichtend, ja wie lebensrettend Musik und Kunst sein können." (Stefan Ender, 15.9.2016)

20.9. Konzerthaus, 19.30

  • Das Konzertdrama als kollektive Erinnerung: Murry Sidlin dirigiert in Erinnerung an die Konzerte im KZ Theresienstadt das "Defiant Requiem: Verdi at Terezín".
    foto: ap/stanislav zbynek

    Das Konzertdrama als kollektive Erinnerung: Murry Sidlin dirigiert in Erinnerung an die Konzerte im KZ Theresienstadt das "Defiant Requiem: Verdi at Terezín".

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