Wachsender Frust auf dem "Abladeplatz" Griechenland

16. September 2016, 15:22
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Schlägereien, Proteste und ein Rücktritt: Die Flüchtlingskrise im Land bringt die linksgeführte Regierung zunehmend unter Druck

Neuerliche Schlägereien unter Flüchtlingen im überfüllten Sammellager auf Lesbos am Donnerstag und nächtliche Zusammenstöße auf Chios zwischen der Polizei und mehreren Hundert Bewohnern der Insel zeigen einmal mehr, wie prekär das Flüchtlingsproblem in Griechenland geworden ist. Auf Lesbos, der größten Flüchtlingsinsel in der Ägäis, entkamen dabei wieder Insassen des Lagers in Moria. In der Inselhauptstadt Mytilini kampieren bereits Flüchtlinge im Freien wie im vergangenen Jahr.

Auf der südlicher gelegenen Insel Chios löste die Polizei am Mittwochabend unter Einsatz von Tränengas einen Protestmarsch von rund 800 Bewohnern auf. Sie rebellierten gegen die Anwesenheit von Flüchtlingen auf der Insel und warfen Europa vor, Griechenland zum "Abladeplatz" für Migranten gemacht zu haben.

Auf Chios waren am Donnerstagmorgen 3564 Flüchtlinge registriert, dreimal mehr als die 1100 Plätze, die offiziell zur Unterbringung im Sammellager im Inneren der Insel zur Verfügung stehen. Lediglich 21 Menschen wagten in der Nacht die Überfahrt von der türkischen Küste. Sie landeten auf Kos, wo am Morgen ein Hubschrauber der türkischen Küstenwache nach Angaben aus Athen in den griechischen Luftraum eindrang und in knapp 150 Meter Höhe eine Viertelstunde lang nahe der Insel flog.

Auf den Ägäisinseln werden nun 13.163 Flüchtlinge festgehalten. Sechs Monate nach dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei sind allerdings noch keine Migranten von den Inseln aufgrund abgelehnter Asylanträge zur türkischen Küste zurückgebracht worden.

Deportationen erwartet

Die Zahl der Deportationen dürfte aber rasch ansteigen, sobald abgelehnte Asylbewerber auch in Berufungsverfahren scheitern. Nach Informationen des griechischen Fernsehsenders Skai sollen diese Rückführungen bereits nächste Woche in größerem Umfang beginnen.

Empörung löste die Weigerung griechischer Eltern in einem Vorort von Thessaloniki aus, Kinder aus einem nahegelegenen Flüchtlingslager zum Unterricht in die Grundschule zu lassen. Sie kündigten die Besetzung der Schule an, unterstützt vom Bürgermeister des Orts, einem Gynäkologen, der vor ansteckenden Krankheiten durch die Flüchtlinge warnte und den Eltern geraten haben soll, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Sowohl gegen den Bürgermeister als auch gegen die Eltern ermittelt nun die Justiz wegen Anstachelung zu Rassismus. Die Faschistenpartei Goldene Morgenröte lobte den "Kampf" der Eltern gegen die "Islamisierung".

Lehrer gesucht

Ein Regierungssprecher in Athen bezeichnete den Streit in Oreokastro als Einzelfall. Hintergrund sind die Bemühungen der Regierung, 15.000 Flüchtlingskinder mit Beginn dieses Schuljahres zu unterrichten. Der Unterricht soll nachmittags nach den regulären Klassen stattfinden, die Lehrer sind noch nicht gefunden. Schulbeginn war am Montag.

Missmanagement in den Lagern warf der erst im April eingesetzte Generalsekretär für Flüchtlingsfrage im Innenministerium, Odysseas Vourdouris, dem zuständigen Migrationsminister Yiannis Mouzalas vor. Vourdouris trat Dienstag zurück. Die Regierung wies seine Kritik zurück. (Markus Bernath aus Athen, 16.9.2016)

  • Flüchtlingsunterkünfte auf Chios: Am Mittwochabend protestierten 800 Bewohner gegen die Anwesenheit der Schutzsuchenden.
    foto: reuters / alkis konstantinidis

    Flüchtlingsunterkünfte auf Chios: Am Mittwochabend protestierten 800 Bewohner gegen die Anwesenheit der Schutzsuchenden.

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