Alben der Woche: Jack White und Angel Olsen

Video16. September 2016, 10:27
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Jack White hält akustisch Rückschau, und Angel Olsen vollzieht einen radikalen Wandel zu sittlichem Ernst

Angel Olsen – My Woman (Jagjaguwar)

cover: jagjaguwar

Angel Olsen startete ihre musikalische Karriere als Backgroundsängerin des großen US-Eigenbrötlers Bonnie "Prince" Billy. Später übte sie sich auf ihren Soloalben in sperriger Folkmusik, die für die Untermalung amerikanischer Krankenhausserien nicht wirklich geeignet war. Die meistens auf Gitarrenbegleitung beschränkten Songs schepperten zu sehr, und Angel Olsens Stimme geriet in Liedern wie zuletzt Unfucktheworld vom Album Burn Your Fire for No Witness etwas gar zu ausdrucksstark. Deshalb ging sich eine Karriere im Genre sensibler junger Frauen bisher nicht wirklich aus.

Dass sie Liveauftritte vor Publikum manchmal deutlich sichtbar auch als reine Qual empfand, kommt in diesem von Konzertperformances eigentlich lebenden Genre noch strafverschärfend dazu.

angelolsenvevo

Mit den Stücken von My Woman hat Angel Olsen nun einen verhältnismäßig radikalen Wechsel vollzogen. Zwar fanden sich auch schon auf Burn Your Fire for No Witness forsche elektrische Gitarren. Nun meint es die 29-jährige Sängerin und Gitarristin allerdings wirklich ernst.

Wenn hier mit großem sittlichem Ernst die Grundakkorde leicht angezerrt gestrampft werden und die Leadgitarre zwischen den Strophen kleine Kinderliedmelodien als Soli verkauft, mag sich das zwar manchmal etwas hoppertatschig anhören. In den besseren Momenten der Songsammlung klingt das aber mitunter auch erfreulich nahe an die britische Bluesrock-Tragödin PJ Harvey angelehnt oder stimmlich auch an Courtney Love und ihre Grungerock-Band Hole, bevor die wirklich schlimmen Drogen kamen.

Neben Blood Bitch, dem neuen Album der norwegischen Kollegin Jenny Hval, die 2016 bisher interessanteste Arbeit einer Frau im klassischen Songwriterbereich. (schach)

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Jack White – Acoustic Recordings 1998–2016 (XL Recordings)

cover: xl recordings

Zuletzt gewann man den Eindruck, er sei ein bisserl zu sehr von sich selbst begeistert. Das schlug sich in hysterischen Soloarbeiten nieder, die der frühen Wucht seiner Kunst nicht das Wasser reichen konnten. Der Minimalismus – Gitarre, Schlagzeug – war Gutteil der Magie, die die White Stripes zu erzeugen vermochten. Die sind Geschichte, Jack White ist ein Star. Als solcher punktete er zuletzt mit sympathischen Obsessionen – Gitarren schnitzen, Schallplattenpresswerk kaufen ... –, mit seiner Musik nicht so.

jackwhite

Nun hat er eine Sammlung von akustischen Aufnahmen veröffentlicht. Zwei CDs voll. Was früher wenig war, ist jetzt zu viel. Wobei dieses Urteil auf die Musik nicht zutrifft. Denn die akustischen Aufnahmen entstanden allesamt aus dem Versuch, Songs auf ihr Maximum zu reduzieren, wie der Werber sagt. 26 Titel hat er aus den Jahren 1998 bis 2016 zusammengetragen. Das ist selbst für Fans eine ziemliche Schlachtplatte, zumal viele Songs auf Basis von akustischem Geklampfe über die volle Länge gewisse inzestuöse Verwandtschaften aufweisen, die die Grenze der Austauschbarkeit überschreiten. Und ein großer Sänger ist White ja nicht, sein mitunter anstrengendes Organ wird nicht weniger herausfordernd, wenn es von einer skelettierten Instrumentierung freigelegt wird.

Auch sind manche Lieder anderswo schon erschienen, in der besseren Version oder als B-Seiten von Singles. Das sind oft Versionen, die es aus gutem Grund nicht auf ein Album geschafft haben. Manche aber überraschen doch in ihrer Zärtlichkeit. Ein Attribut, das White nicht oft nachgesagt bekommt. Dennoch ist Acoustic Recordings wohl nur für Komplettisten wirklich interessant. Und denen geht es selten um die Musik. (flu, Rondo, 16.9.2016)

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