Die Ausweitung der Ankunftszone

16. September 2016, 08:00
posten

"Wir schaffen das", sagte Angela Merkel 2015, als Tausende nach Europa flohen. Der Steirische Herbst zeigt, wie "es" geschafft werden kann. Er pflegt in seiner Arrival Zone im Grazer Annenviertel gute alte Tugenden: Gastfreundschaft, Wissensdurst, Offenheit

Graz – Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Der erste Satz aus dem Gedicht Urians Reise um die Welt von Matthias Claudius ist längst geistiges Allgemeingut. Und er fasst den Reichtum, den Reisende, ob sie nun erstmals ankommen, zurückkehren, durchreisen oder bleiben, mit sich bringen: Neuigkeiten, Geschichten, andere Perspektiven.

Diesem Erfahrungsschatz wird im diesjährigen Steirischen Herbst ein besonderer Raum gewidmet – auch als Kontrastprogramm zu der täglich von Populisten neu geschürten Hysterie und Angst vor allem Fremden und Neuen. Das erst seit einigen Jahren so getaufte Annenviertel, das sich rund um die Annenstraße zwischen Griesplatz und Lendplatz in den traditionellen Arbeiter- und Migrantenbezirken Gries und Lend erstreckt, wird nun von 23. September bis 16. Oktober auch ganz offiziell zur Arrival Zone ausgerufen.

Neugierde, Gastfreundschaft

Hier darf man neugierig sein und etwas Neues lernen. Hier darf man auch darüber nachdenken, was Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft bedeuten – immerhin Tugenden, die man seit Jahrhunderten zu den "Werten" der westlichen Welt zählt.

Eine Ankunftszone, die als solche definiert und gekennzeichnet wird, nachdem sie diese Rolle in der Stadt Graz schon lange hatte. Denn weit vor dem Ankommen tausender Flüchtlinge an der steirisch-slowenischen Grenze im Vorjahr war es genau diese Gegend, wo sich ehedem Neograzer ansiedelten.

Natürlich ist das Viertel schon teilgentrifiziert, und mitunter streift die Bobowelt hier direkt an einer noch recht rauen Welt an. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst Rotor war maßgeblich beteiligt an der Erschaffung des kulturellen und positiv besetzten Namens Annenviertel und ist mit seinem Standort am Volksgarten nicht nur mittendrin in der Arrival Zone, es thematisiert auch seit vielen Jahren mit Projekten und Ausstellungen das Mit- und manchmal auch Nebeneinander der Kulturen in seinem Umfeld.

Für die Zeit des Festivals wird der Rotor auf der anderen Seite der Volksgartenstraße, im Volksgarten-Pavillon, das Haus der offenen Tore betreiben. Hier ist jeder ab 24. September herzlich willkommen. Im Samowar Café gibt es neben Tee und Kaffee v. a. die Möglichkeit, sich kennenzulernen. Künstler und Menschen aus der Nachbarschaft gestalten verschiedene Schwerpunkte. Frei nach dem Motto, dass die Menschen beim Reden zusammenkommen, wird hier immer von Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 21 Uhr über Kunst, Politik, das Leben in Freiheit und die Vorstellung von Gerechtigkeit diskutiert werden.

Begleitend dazu läuft im Rotor bei freiem Eintritt die Ausstellung New Graz – Erzählungen aus der Ankunftsstadt. Unter anderem sind dort Arbeiten der Neograzerin, Künstlerin und Fotografin Maryam Mohammadi zu sehen. Mohammadi, die man auch im Samowar Café treffen kann, arbeitet schon fast ein Jahr lang regelmäßig mit Bewohnern von Flüchtlingsunterkünften in Graz.

Doch die Zone des Ankommens wird auch abseits von Rotor, Volksgarten-Pavillon und im Orpheum, wo man im Club Panamur und bei der Murwirtin andere Grenzen überwinden kann (siehe Text auf Seite S 4), als solche erkennbar sein. Das Künstlerduo Morag Myerscough und Luke Morgan hat für sein Projekt Open Wide farbenfrohe und die Grenzen von Sprachen überschreitende Markierungen und Zeichen geschaffen. Diese entstanden in Zusammenarbeit mit mehr als hundert Grazerinnen und Grazern aus dem Viertel, die sich alle mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund einbrachten.

Apropos einbringen: Das können geneigte Leser und Leserinnen, sollten sie zufällig Bewohner des Annenviertels sein, auch: Sollte demnächst jemand an Ihrer Tür läuten und Sie um eine Zimmerpflanze bitten, schicken Sie die Person nicht kopfschüttelnd weg. Aus den Pflanzen aus dem Viertel entsteht nämlich ab 5. Oktober im Orpheum der Garden State. Das Kollektiv Mamaza schafft hier eine eigene Welt, eine Ruheoase für alle, die immer wieder auch bei sich selbst ankommen wollen.

Das Festival wird heuer verstärkt das steirische Grenzland bespielen: Rund um Leutschach, Seggauberg oder Leibnitz etwa, also einer Gegend, in der Grenzen durch Weingärten immer mehr verbindend als trennend waren. (Colette M. Schmidt, Spezial, 16.9.2016)


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Eine bunte Zeichenwelt markiert die Arrival Zone in Graz.
    foto: morag myerscough und luke morgan

    Eine bunte Zeichenwelt markiert die Arrival Zone in Graz.


  • Staatsgrenze auf Südsteirisch: eine Straße, die verbindet. "Willkommen in der Europaschutzzone" von Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ist eines der Projekte, die der "Herbst" im Grenzland veranstaltet.
    foto: regine dura

    Staatsgrenze auf Südsteirisch: eine Straße, die verbindet. "Willkommen in der Europaschutzzone" von Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ist eines der Projekte, die der "Herbst" im Grenzland veranstaltet.


Share if you care.