Wallendes Wirbeln als Staatsakt

16. September 2016, 08:00
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Im Tanzstück "State" erschaffen Ingri Fiksdal und Jonas Corell Petersen neue Rituale

Graz – Selbst wenn man heutzutage im urbanen Raum nicht mehr allabendlich den Mond anruft oder Burschen zwecks Mannwerdung mit ein paar lustigen Schwammerln in die Nacht schickt, so sind Rituale doch eine Konstante der Menschheit. Nicht nur Säuglingen sollen sie bei der Orientierung in der ungewohnt weiten Welt helfen, auch viele Erwachsene erhalten durch das allabendliche Glaserl Wein, die Eheschließung in einer klassischen Zeremonie oder den jährlichen Besuch eines Kulturfestivals Sicherheit. Vielleicht ist es ja am Ende tatsächlich so, dass uns die Wiederholung des Immergleichen hilft, das Wissen um die eigene Sterblichkeit auszublenden.

Ausgehend von der Annahme, dass Realität nur eine Erfindung unserer Gehirne ist, erkunden die norwegische Choreografin Ingri Fiksdal und der dänische Theaterschaffende Jonas Corell Petersen in ihrer Produktion State, wie die menschliche Neigung zum Ritual mit der modernen Staatsarchitektur in Zusammenhang zu bringen ist. Drei Tänzerinnen und zwei Tänzer bilden dabei durch Bewegungsmuster, die einer vergessenen Kultur zu entstammen scheinen, ihre eigene soziale Ordnung. Begleitet werden sie von einer Komposition des norwegischen Noise-Veteranen Lasse Marhaug, für die vier neuartige Instrumente eigens entwickelt wurden. Dass die exotischen Klänge teils noch mehrfach elektronisch verfremdet werden, versteht sich beinahe von selbst.

Wie die Musik, so prägen auch die Kostüme den Ablauf der Uraufführung. Entworfen vom renommierten dänischen Modeschöpfer Henrik Vibskov bestehen sie aus mehreren Schichten, welche – vom anliegenden Body über einen gespreizten Unterrock bis zu einem wallenden Überwurf und lampenschirmartigen Hüten – nicht nur die Erscheinung, sondern ebenso die Bewegungsmöglichkeiten der Akteure im Fortlauf der Performance deutlich verändern. Die grauweißen Riesenponchos haben zudem einen Umfang, der jeden drehenden Derwisch vor Neid erblassen lässt und ein Bühnenbild hinfällig macht.

Tanz, Musik und Kostüm sollen somit etwas noch nie Dagewesenes auf die Bühne bringen, das jedoch zugleich tief im Vertrauten verwurzelt ist. Vor den Augen des Publikums entsteht ein traumgleicher zeitgenössischer Ritus, der gleichermaßen fasziniert, irritiert und mitreißt. Später mag der eine oder andere Besucher vielleicht ebenso losgelöst unter dem Uhrturm wirbeln. (Dorian Waller, Spezial, 16.9.2016)

"State", Dom im Berg, 30. 9. + 1. 10.


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Kostüme, die Bewegungen  und Bühnenbild prägen.
    foto: anders lindén

    Kostüme, die Bewegungen und Bühnenbild prägen.

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