Nach dem Maskeradenwalzer ein Quasimodotango

16. September 2016, 08:00
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Die Athener Blitz Theatre Group kommt mit einem postapokalyptischen Glanzstück nach Leibnitz. Ein Krieg hat Europa zerstört. In traurigen Liedern und absurden Gags hängen drei Männer und drei Frauen ihren melancholischen Erinnerungen nach

Leibnitz – Das können alle, die sich seelisch darauf einstellen, vergessen: Europa wird nicht einfach untergehen. Sicher jedenfalls nicht demnächst, oder? Außer vielleicht, wenn die große Magmablase unter den phlegräischen Feldern bei Neapel durch die Erdoberfläche kracht. Auch die Welt geht nicht so bald unter. Jedenfalls nicht, bis die sich aufblähende Sonne sie in voraussichtlich ein paar Milliarden Jahren röstet.

Natürlich wird bis dahin in der geologischen, vor allem in der politischen Geschichte viel passieren, das diverse Bevölkerungen wie eine Apokalypse erleben.

Visionen, Trips und Abgesang

Und Visionen von Apokalypsen gehören zu den beliebtesten Trips, die Gesellschaften sich dann reflexartig einwerfen, wenn etwas in ihnen auf- oder ausbricht. Abgesänge auf das, was gewesen sein wird, gehörten auch im 20. Jahrhundert zum fixen Kulturgut des Westens. Nach einiger Abwesenheit kommen sie jetzt allmählich und in neuer Komposition wieder. Zum Beispiel aus Griechenland. Von da stammt die 2004 gegründete Blitz Theatre Group, die nun im Rahmen des Steirischen Herbstes mit Late Night, einem Stück über das Leben nach dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, nach Leibnitz kommt. Dort wird der Hugo Wolf Saal in eine heruntergekommene Tanzhalle verwandelt, in der sich ein paar Leute treffen. Giorgos ist dabei, Angeliki, Sofia und Christos auch. Maria tanzt mit Fidel in Erinnerung an den Brand eines Krankenhauses in Potsdam und an die Generalmobilmachung.

Paris ist zerstört. Ein Krieg hat stattgefunden, die Berichte klingen nach Old School: die Schlacht von Zürich, Leichen in den Straßen von Berlin. Nach der Bombardierung des Zoos laufen exotische Tiere durch die Stadt. Erzählungen in melancholischem Tonfall, auch Reminiszenzen an tote Liebesverhältnisse. In dem Tanzsaal wird die Gegenwart grau vom Staub des für immer Verschwundenen. Auf einem Sessel ruht ein erloschenes Fernsehgerät. Man sitzt herum, redet, tanzt den Maskeradewalzer oder einen Quasimodotango. Traurige Songs erklingen, absurde Gags und hektische Spielchen werden gespielt.

Die Figuren auf der Bühne tragen die Namen Schauspielerinnen und Schauspieler, die sie darstellen. Die Blitz Theatre Group ist aus Athen, einer Stadt, die mit dem Begriff Krise lebt, weil Griechenland seit Jahren nach neoliberalen Strategien "saniert" wird. Subventionen bekommen die professionellen Theatermacher keine mehr. Sie müssen mittlerweile Jobs wie Kellnern machen, um zu überleben. Da sind die Hellenen den Alpenbewohnern eine Erfahrung voraus. Doch auch in Leibnitz, Graz oder Wien ist das Lebensgefühl zunehmend von Verunsicherung geprägt.

In Late Night haben drei Frauen und drei Männern schon überstanden, wovor sich das potenzielle Publikum unterschwellig fürchtet: den Zusammenbruch der geltenden Ordnung. Am Vermessen und Testen dieser Ordnung hat das im Kern dreiköpfige Kollektiv der Gruppe bisher gearbeitet. Etwa in den Stücken Katerini, Guns! Guns! Guns! oder Cinemascope, für die philosophische Texte, Filmdialoge, Ausschnitte von Romanen oder Zitate aus Lexika gesampelt wurden.

"Alle Mitglieder" des Kollektivs, schreiben Giorgios Valais, Angeliki Papoulia und Christos Passalis, "sind gleichgestellt in Konzeption, Textarbeit, Regie und dramaturgischem Prozess, alles bleibt in Zweifel, nichts steht unter Garantie, weder im Theater noch im Leben". Damit kommt diese Gruppe dem Credo der berühmten Company Forced Entertainment nahe. (Helmut Ploebst, Spezial, 16.9.2016)

"Late Night", Leibnitz, Hugo Wolf Saal, 30. 9. + 1. 10., 19.30


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Europa liegt in Trümmern, diesmal sogar die Schweiz: Die Athener der Blitz Theatre Group erzählen sogar von der Schlacht um Zürich.
    foto: vassilis makris

    Europa liegt in Trümmern, diesmal sogar die Schweiz: Die Athener der Blitz Theatre Group erzählen sogar von der Schlacht um Zürich.


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