"Fever Room": Den eigenen Geistern freundlich zugewandt

16. September 2016, 08:00
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Apichatpong Weerasethakuls Bühnenerstling verbindet Träume mit der Geschichte Thailands

Graz – Die Filmarbeiten des Thailänders Apichatpong Weerasethakul folgen ganz eigenen Erzählweisen. Meist durchdringen einander Traum und Wirklichkeit, Erinnerung und Geschichte und erzeugen so unheimliche, aber doch friedvolle Stimmungen, über die man nur staunen kann wie über eigene abgefahrene Träume. Das Vertrauen auf Geister, der in asiatischen Gesellschaften verbreitete Glaube an die Beseeltheit der Natur (Animismus) ist gewiss eine gute Voraussetzung für diese Fantasiewelten.

Im Film Cemetery of Splendour beispielsweise beherbergt der Schauplatz Krankenhaus – per se ein Ort der Transformation, an dem Körper genesen oder sterben – die Geister seiner Vergangenheit: Das Gebäude diente einmal als Grundschule und davor als Kinopalast. In den Träumen der Patienten leben die Gedanken der Menschen von einst hier weiter.

Im Film Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives hat so eine Erscheinung sogar rot glühende Augen, die in der Dunkelheit einer ruhigen, subtropisch dunstenden Nacht leuchten. Für diesen, seinen sechsten Langspielfilm gewann der 1970 in Bangkok geborene Regisseur 2010 schließlich die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes.

Apichatpong Weerasethakul, der bereits seit Blissfully Yours (2002) und Tropical Malady (2004) als Ausnahmeerscheinung im Weltkino gilt, arbeitet auch als bildender Künstler. Einzelausstellungen in Museen von Oslo bis Kioto sowie Beiträge u. a. für die Documenta in Kassel (2012) weisen den 46-Jährigen als eine der gewichtigsten künstlerischen Stimmen Asiens aus. Bedeutend ist seine unabhängige Arbeitsweise. Seit 1999 produziert Weerasethakul in der eigenen Firma Kick the machine.

Als eine Art Weiterentwicklung des Films Cemetery of Splendour ist die erste Bühnenarbeit von Apichatpong Weerasethakul zu verstehen, die jetzt beim Steirischen Herbst Europapremiere feiert: Im Stück Fever Room, das vor einem Jahr seine Uraufführung in Südkorea hatte, begegnet einander das aus dem Film bekannte Schauspielerpaar Jenjira Pongpas Widner und Banlop Lomnoi im Traum. Sie (Jen) arbeitet als Pflegekraft im Spital und versorgt ihn (Itt), den von einer mysteriösen Schlafkrankheit befallenen Soldaten.

Es vermischen sich dabei die Erinnerungen der Schauspieler mit jenen des Regisseurs und weisen, verschmolzen zu einer Fiktion, gemeinsam auf die Makroebene der erzählten Geschichte: die des Landes Thailand und seiner Menschen, die seit dem Putsch 2014 erneut von einem Militärregime regiert werden und der ständigen Überwachung ausgesetzt sind. Diese militärische Kultur hat Weerasethakul geprägt.

In welchem Bewusstseinszustand erwachen welche Erkenntnisse? Haben Träume eine Verbindung zur Wirklichkeit? Wo liegt die Grenze zwischen Fiktion und Tatsache? Mit diesen Optionen zur Durchlässigkeit operiert Fever Room. Das Publikum wechselt übrigens die Blickrichtung. (Margarete Affenzeller, Spezial, 16.9.2016)

"Cemetery of Splendour", Orpheum Extra, 28. 9., 19.30; "Fever Room", Orpheum, 29. 9., 19.30, 22.30, 30. 9., 17.00/19.30/22.30


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • In "Fever Room" mit den Träumen der anderen fusionieren.
    foto: chai siris / kick the machine films

    In "Fever Room" mit den Träumen der anderen fusionieren.


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