Wie Eimersche Organe in der Unterwelt wirken

16. September 2016, 08:00
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Der französische Performancekünstler und Leiter des Théâtre Nanterre-Amandiers bei Paris, Philippe Quesne, eröffnet den Steirischen Herbst mit seinem brandneuen Stück "Die Nacht der Maulwürfe (Welcome to Caveland!)" in der Helmut-List-Halle

Graz – Auf dem Tübinger Bergfriedhof liegt Gustav Heinrich Theodor Eimer begraben. So ist der in der Schweiz geborene Zoologe seit 1898 jenen Tieren nahe, die dazu beigetragen haben, seinen Namen unsterblich zu machen: den Maulwürfen (lat. Talpidae). Diese können mit ihren spezialisierten Sensorien, genannt Eimersche Organe, neben geringsten Vibrationen auch schwache elektrische Reize erkennen, wie sie etwa durch Muskelbewegungen kleiner Tiere entstehen, die Talpidae gerne verspeisen.

Menschliche Maulwürfe

Sollte übrigens der Hund Hermés des brillanten französischen Performance- und bildenden Künstlers Philippe Quesne unwahrscheinlicherweise an Kokzidiose verstorben sein, dann könnte sich das gute Tier zuvor mit Eimeria genannten Einzellern infiziert gehabt haben. In diesem Fall wären Quesne und Eimer bei dem Stück Die Nacht der Maulwürfe, der großen Eröffnungsproduktion des diesjährigen Steirischen Herbstes, im übertragenen und Quesne'schen Sinn schicksalhaft miteinander verbunden.

Die Nacht der Maulwürfe – Teil des größeren Formats Welcome to Caveland! – zieht das Publikum in eine sehr menschlich anmutende Welt unter der Erde. Da die Spezies Homo sapiens ebenso wenig echte Eimersche Organe besitzt wie die sieben großen Talpidae, die dieses Höhlensystem bewohnen, können sich beide an dem Reichtum an anthropogenen Metaphern gütlich tun, die das Stück zu einem spekulativ-realistischen Erlebnis machen.

Wer jetzt wissen will, was "im Quesne'schen Sinn" bedeutet, konnte sich davon zum Beispiel im Stück Der Serge-Effekt einen Begriff machen. Darin zeigte sich exemplarisch Quesnes Übertragung von allem Aufgebauschten in Matchboxformate, mit denen er die großen Gesten des Spektakels ironisch unterminiert.

Dieser Effekt war auch in darauffolgenden Stücken wie La Mélancholie des Dragons (Uraufführung 2008 bei den Wiener Festwochen) oder Big Bang (2010, im Jahr darauf zu Gast bei der Sommerszene Salzburg) zu sehen. Als Vorbote der nun in Graz auftretenden Tiere ist bereits bei dem 2013 von den Festwochen uraufgeführten Swamp Club ein Maulwurf aufgetaucht. Damals war er Symbol eines drohenden Unheils. Jetzt, zur Festivaleröffnung in der Grazer Helmut-List-Halle, werden die großen Zyklen des Lebens auf Maulwurfsformat gebracht – im Quesne'schen Sinn natürlich.

Selbstverständlich sind diese Zyklen alles andere als nett. Und die überdimensionalen Talpidae im Stück wirken zwar auf den ersten Blick herzig, aber dann tun sich in ihrer Unterwelt auch gleich die charakteristischen Abgründe auf: vergebliches Mühen (siehe Sisyphos), politische Täuschung (vergleiche Platon), existenzielle Absurdität (wie bei Beckett) sowie die allgemein tragischen Komponenten von Tod und Zerstörung.

Im Quesne'schen Sinn bedeutet dies aber: Sie werden auf eine melancholisch-ironische und stellenweise verstörend witzige Ebene übertragen, wie sie eben auch für die früheren Arbeiten des heute 46-Jährigen charakteristisch ist.

Seit 2013 leitet Philippe Quesne das Théâtre Nanterre-Amandiers bei Paris, wo Die Nacht der Maulwürfe erst im November anbricht. Auch dann werden die sieben Riesentalpidae (unter den Darstellern ist auch der großartige Soloperformer von L'Effet de Serge, Gaëtan Vourc'h) unter anderem als Band auftreten, durch ihr dunkles Reich rocken, zappeln und schleichen. Dort tun sie ihr seltsames Werk umgeben von Tropfsteinen, prähistorischen Relikten und atomarem Abfall.

Assoziationen zwischen Platons Höhlengleichnis und Fukushima, Osama Bin Ladens Höhlenversteck und Barack Obamas Situation Room sind da aufgelegt.

Nebenbei bemerkt: Ist das Theater nicht selbst als Blackbox eine Höhle? Und sind die wahrnehmungsrelevanten Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn nicht wie Eimersche Organe, die auf die Spannungsverhältnisse des Weltgeschehens reagieren, wie sie uns über elektronische Medien vorgeführt werden? Oder auf die Vorführungen im Theater mit ihren Live-Metaphern? Keine Frage: Dieser Auftakt passt besonders gut zum politisch spitzen Programm des heurigen Steirischen Herbstes. (Helmut Ploebst, Spezial, 16.9.2016)

"Die Nacht der Maulwürfe (Welcome to Caveland!)", Helmut-List-Halle, 23. + 24. 9., 19.30


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Philippe Quesnes Maulwürfe sind auch Sinnbild für Menschen, die sich in ihre Biedermeierwelt bzw. in ihre Höhlen zurückziehen. Im Stück sprechen sie dabei international verständliches "Maulwürfisch".
    foto: martin argyroglo

    Philippe Quesnes Maulwürfe sind auch Sinnbild für Menschen, die sich in ihre Biedermeierwelt bzw. in ihre Höhlen zurückziehen. Im Stück sprechen sie dabei international verständliches "Maulwürfisch".


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