Grenzen: "Bei vier Stunden Wartezeit ist der halbe Tag weg"

20. September 2016, 14:55
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Halten Grenzkontrollen an, sei mit Preissteigerungen zu rechnen, warnt die Transportwirtschaft und drängt auf Einrichtung von Güterkorridoren

Wien – Der Verkehrsfunk gemahnt an das Vor-Schengen-Zeitalter: zwei Stunden Wartezeit in Nickelsdorf, eineinhalb am Walserberg und in Kufstein. Seit österreichische und bayerische Grenzbehörden ihre zwischenzeitlich obsolet gewordenen Pflichten wieder aufgenommen haben, ist Sand im Getriebe des Frachtgeschäfts. Große Spediteure drücken sich diplomatisch aus, nennen die mit den Grenzkontrollen verbundenen widrigen Umstände wohl "hochgradig unangenehm", aber gerade noch "beherrschbar", für die Produzenten vorsorgen müssten.

Wer eine Fracht sicher geliefert haben wolle, sollte sich auf 48 Stunden Lieferzeit einstellen, rät der Vorstandschef der im Vorarlberger Lauterach domizilierten Gebrüder Weiss Holding, Wolfgang Nießner, im Gespräch mit dem STANDARD. Lieferungen binnen 24 Stunden seien aufgrund der Unwägbarkeiten mit Ungewissheit behaftet. Seriös messbar seien die Verspätungen aber noch nicht. Stärker belastet als das klassische Stückgut seien jedenfalls hochsensible Supply-Chains wie sie die Industrie für ihre Just-in-time-Produktion brauche.

Deutlicher wird der Obmann der Bundessparte Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer, Alexander Klacska: "Die Wartezeiten sind extrem." Wird ein Wagen herausgefischt und kontrolliert, stehe die ganze Schlange. An Grenzübergängen nach Ungarn und Bayern seien zwei Stunden Wartenzeit inzwischen wieder "normal", in der Spitze seien es nicht selten sogar vier Stunden.

Kosten explodieren

Nebenwirkungen inklusive: "Bei einer maximalen Lenkzeit von neun Stunden und vier Stunden Wartezeit ist der halbe Tag weg", rechnet Klacska vor. Passiere dies an einem Freitag, sei nicht mehr gewährleistet, dass der Fahrer am Wochenende heim zu seiner Familie komme. "Wir brauchen deshalb dringend Ausnahmen von der Lenk- und Ruhezeit", appelliert Klacska an die Politik, denn die anhaltenden Kontrollen begännen "richtig ins Geld zu gehen. Die Kosten explodieren".

Auch, wenn die Kunden bis dato noch nichts davon merkten: Im Herbst werden neue Transportverträge verhandelt, und da sei der Preis sicher ein Thema. Der Spartenobmann schließt Preissteigerungen nicht aus und verweist dabei auf eine Untersuchung der deutschen Bertelsmann-Stiftung, die in Simulationsrechnungen auf bis zu drei Prozent gekommen sei.

Auf der Schiene sei es kaum besser, auch dort würden Container und Waggons stichprobenartig kontrolliert.

Da eine Verlängerung des Kontrollregimes im Jahr 2017 nicht auszuschließen sei – die derzeitige Ermächtigung durch die EU-Kommission läuft zum Jahresende aus -, drängt die Transportwirtschaft auf grundlegende Weichenstellungen: Die Schaffung von Güterverkehrskorridoren an den Landesgrenzen, um den Lkw- und Pkw-Verkehr zu entflechten. Dann könnten sich die Transporteure auch auf Investitionen einlassen wie EDV-Schnittstellen für Wärmebildkameras und CO2-Sonden, mit denen die Polizei illegale Grenzgänger aufspürt. Damit ließen sich Schleppertransporte unbürokratisch von Obst- und Gemüseladungen unterscheiden und Wartezeiten minimieren.

Was die Frächter noch aufregt: Kontrolliert wird nicht an aufgelassenen Zollstellen, sondern ein paar (hundert) Meter danach, also jeweils auf eigenem Staatsgebiet in Österreich und Bayern. Sonst wären diese nicht Schengen-konform. Das leiste der Staubildung Vorschub, weil es, anders als an der Brennergrenze zu Italien, keine zusätzlichen Fahrstreifen zur Ausleitung gebe. Wenn Grenzkontrollen schon unvermeidbar seien, sagt Klacska, dann müssten sie europarechtlich geordnet ablaufen. (ung, 20.9.2016)

  • Wenn die Polizei einen Lkw aus dem Verkehr an eine Kontrollstelle geleitet, wie hier in Bad Reichenhall auf der A8 von Salzburg nach München, dann staut es sich weniger als bei Kontrollen auf offener Straße.
    foto: apa / dpa / matthias balk

    Wenn die Polizei einen Lkw aus dem Verkehr an eine Kontrollstelle geleitet, wie hier in Bad Reichenhall auf der A8 von Salzburg nach München, dann staut es sich weniger als bei Kontrollen auf offener Straße.

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