Schlitz im Wallekleid

15. September 2016, 11:27
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Der zweite Tag der Wiener Modewoche begann brav und endete sexy

Jeden Abend dasselbe Spiel: je später der Abend, desto schöner die Gäste. Eine Show um 18 Uhr? Läuft unter Nachmittagsprogramm, das Zelt muss sich noch warmlaufen: Am Schminkstand im Eingangsbereich stehen sich die Make-up-Artists die Beine in den Bauch, an der Bar nebenan wird Saft gereicht.

Einige Minuten später auf dem Laufsteg geht es an Modewochentag Nummer zwei mit der Show des polnischen Labels Malgrau weiter. Kennt hier natürlich niemand, wurde aber vom polnischen Kulturinstitut eingeladen. Wiednu, Wien, wir kommen!, schrieb Designerin Iga Szuchiewicz auf der Facebook-Seite ihres Labels, leider bekommen davon nur wenige etwas mit. Die Sitzreihen sind löchrig besetzt.

foto: thomas lerch
Baseballkappen und Slip-ons bei Malgrau

Die Mode maßgeschneidert fürs Nachmittagsprogramm, auf dem Laufsteg Baseballkappen, geringelte Marlenehosen, die Models tragen Slip-ons, nach wenigen Looks weiß man, wie der Hase läuft.

Und bevor es weitergeht mit Rozbora Couture, läuft sich auch das Publikum langsam warm: Selfies machen, Instagram checken, vor der Wand mit dem Schriftzug der MQ Vienna Fashion Week posieren. Die Front Row gibt Gas, trägt Sonnenbrillen, roten Lippenstift und schmale Clutches.

foto: thomas lerch
Neckische Schultern bei Rozbora Couture
foto: thomas lerch
Strick-Cape, ebenfalls von Rozbora Couture

Auf dem Steg Trenchcoat-Kleider auf nackter Haut, glitzernde Strickoberteile, die neckisch von den Schultern rutschen. Am Schluss läuft Designer Richard Rozbora über den Laufsteg bis nach vorn, macht angedeutete Verbeugungen, hier genießt jemand den Applaus.

Der Höhepunkt des Abends steht, wenn man sich eine halbe Stunde später auf die lange Schlange vor dem VIP-Eingang verlassen kann, allerdings noch bevor. Vor Beginn der Callisti-Show ist das Zelt gesteckt voll mit wichtigen Menschen: Im Vorraum warten die Chanel- und die Louis-Vuitton-Täschchen mit ihren Begleitmännern am VIP-Eingang. Sie haben sich mindestens so viel Mühe wie ihre High-Heel-Frauen gegeben: Da gibt es die Anzugmänner, die aus dem Büro herübergeeilt sind, die im frisch gebügelten weißen Halbarm-Hemd, die mit dem blond gesträhnten Haar im Leo-Sakko und die tätowierten Muskelmänner. Dass sie nicht zum ersten Mal auf der Wiener Modewoche zu Gast sind? Eh klar. "Die Callisti-Show beginnt immer etwas später, das ist normal", können sie die Modewochen-Anfänger beruhigen.

Die Callisti-Kenner wissen: Das Warten wird sich lohnen. Die erste Reihe erhält kleine weiße Goodie-Bags, bestückt mit Miniatur-Ventilatoren. Auf der Leinwand stimmt ein Imagevideo des Labels auf die Show ein, erster Jubel.

foto: thomas rottenberg
Sexyness à la Callisti

Die Show schließt an den Appetithappen an: Neben den Männern in Lederanzügen tragen langmähnige Models mit wiegenden Hüften Lederkostüme und -hosen, Bustierkleider und Latzminis, Radlerhosen und Overkneestiefel in Schwarz und Beige vor.

foto: thomas rottenberg
Schlitz im Wallekleid bei Callisti

Zum Schluss ein wallendes langes Kleid mit Angelina-Jolie-Schlitz. Bei so viel Sex auf dem Laufsteg können die Männer aus Reihe eins nur schauen.

foto: thomas lerch

Als Designerin Martina Müller dann endlich den Laufsteg hinauf und hinunter läuft, darf sie wie in den letzten Jahren Standing Ovations und einen Blumenstrauß entgegennehmen. Diese Designerin wird für ihre Mode geliebt. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen. (feld, 15.9.2016)

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