Auf den Spuren eines Hafens am Mont Lassois

Blog15. September 2016, 09:28
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Seit 2002 erforscht ein Archäologenteam der Universität Wien im Rahmen von Lehrgrabungen die monumentalen Befestigungswerke in Frankreich. Ein schwieriges, aber erfreuliches Unterfangen

Wieder einmal hat Gerald Raab sämtliche Rechner des Grabungsprojekts in Beschlag genommen und lässt sie bis in die Morgenstunden Berechnungen durchführen. Er ist ganz in seinem Element und kreiert hochauflösende 3D-Modelle der Grabungsflächen und ihres Umfelds anhand hunderter, mit seinen beiden Dohnen aufgenommener Fotos. Endlich kann er seinen Techniken freien Lauf lassen, denn die überraschenden Befunde der diesjährigen Grabungskampagne erfordern eine möglichst detailgetreue und genaueste Dokumentation.

Wie auch die gegenwärtigen Studenten, die das Grabungsteam bilden, hat Gerald hier am Mont Lassois bei Vix in der Bourgogne seine beiden Lehrgrabungen absolviert und ist danach ins Führungsteam aufgestiegen. Mittlerweile hat er sich auf modernste digitale Dokumentationsmethoden spezialisiert und mit Kollegen eine kleine Firma gegründet, die kostengünstige Lösungen zur archäologischen Dokumentation anbietet und entwickelt.

Sein kongenialer Partner ist Christian Seisenbacher. Er kümmert sich darum, dass "der Laden läuft". Zusammen mit den beiden Tutoren Aenna Linzbauer und Laurin Suesserott weist er die Studenten an, erklärt, führt vor und trachtet danach, dass die eigentliche Grabungsarbeit fortschreitet und die Befunde dokumentationsreif freigelegt werden, sodass Gerald seines Amtes walten kann.

Harte Knochenarbeit

Nur vier Wochen dauert eine Grabungssaison hier in Vix. Vier Wochen Zeit, um den jungen Studenten einen ersten Eindruck über die Grundtechniken archäologischer Feldarbeit zu vermitteln und davon, was archäologische Grabung bedeuten kann: nämlich in erster Linie harte Knochenarbeit. Denn die Strukturen, die wir erforschen, sind oft von monumentalen Ausmaßen und müssen nach dem ersten maschinellen Abtrag erst mittels Spitzhacke, Schaufel und schließlich in der letzten Phase unter Einsatz von Feinwerkzeug freigelegt werden.

Spektakuläre Kleinfunde sind dabei kaum zu erwarten, diese treten eher auf Gräberfeldern und mitunter reinen Siedlungsgrabungen zutage. Aber dass Archäologie keine Schatzgräberei ist, muss manchmal auch erst den Studenten klargemacht werden.

Doppeltes Verteidigungssystem

Was uns interessiert, sind die Befestigungsanlagen des Mont Lassois. Ehemals – gegen Mitte des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, der ausgehenden Hallstattzeit – wirkten diese wie gewaltige Stadtmauern. Von außen betrachtet wiesen sie eine hochaufragende steinerne Fassade auf, dahinter lehnte eine zumeist aus Erde aufgeschüttete und im Kern mittels eines hölzernen Rahmenwerks verstärkte Rampe an. Davor erstreckte sich zumeist ein tiefer Graben, was ihre defensive Funktion als Bollwerk noch verstärkte. Heute sind diese Monumente in ihrer erodierten Form als Wälle noch weithin sichtbar. Allein die Ruine des Walles drei weist heute noch gigantische Ausmaße auf: Mehr als 30 Meter breit, bis zu fünf Meter hoch ist er erhalten.

Zusammen bilden die bislang elf bekannten Wälle am Mont Lassois ein doppeltes Verteidigungssystem. Ein äußeres Befestigungswerk umgibt den Berg an seinem Fuß, das innere umfasst den Rand des Hochplateaus im Westen und keilt im Süden und Norden Richtung des Flusslaufs der Seine hinab, die hart am auslaufenden Hang des Berges verläuft. Beide Systeme schienen bislang flussseitig offen zu sein. Die Seine schien als natürliche Barriere genutzt worden zu sein.

Das Fürstinnengrab von Vix

In dieser Topografie ist auch der Ursprung der Bedeutung dieses Fundorts zu suchen: Seit der Auffindung des sogenannten Fürstinnengrabs von Vix im Jahr 1953 am Fuß des Mont Lassois zählt der Fundort zu den bedeutendsten der frühen Eisenzeit Mitteleuropas und steht seither im Zentrum langjähriger Erforschung. Der Position des Berges kam zu dieser Zeit eine wichtige strategische Funktion zu: als Knotenpunkt des antiken Handels vom Mittelmeerraum nach Norden.

Einer bislang nicht belegten Theorie entsprechend könnte die Seine ab der Position des Mont Lassois nach Norden schiffbar gewesen und somit direkt als Transportweg genutzt worden sein. Dieser hypothetische Transportweg ist nun durch die Befestigungsanlagen im Norden und Süden jeweils doppelt blockiert und wird gleichsam ins Siedlungsinnere integriert. Der Bereich würde sich somit entsprechend der Theorie als Warenumschlagplatz und vielleicht als eine Art Hafen anbieten.

Ein bislang hypothetischer Hafen

Dass uns nun die Auffindung ausgerechnet eines bislang unbekannten, völlig eingeebneten und somit oberflächig nicht mehr sichtbaren Befestigungswerks auf die Spuren dieses bislang hypothetischen Hafens bringen würde, war für das gesamte Grabungsteam die größte Überraschung. Ziel der vergangenen Grabungskampagnen war es – so widersprüchlich es klingt –, den ausgesprochen schlechten Erhaltungszustand dieser neuen Befestigung zu unserem Vorteil zu nutzen, um eine derartige Anlage in mehreren Abschnitten gleichzeitig untersuchen zu können, und vor allem unter Einbeziehung des direkten Umfelds.

Mittels mehrerer sogenannter schmaler Grabungssondagen konnte zum einen der Verlauf der Anlage genau rekonstruiert werden: Dieser verbindet bogenförmig entlang der Seine verlaufend das innere mit dem äußeren Verteidigungssystem, was somit den Nachweis der gleichzeitigen Funktion beider erbrachte. Zum anderen zeigte sich, dass der südliche Teilabschnitt der Anlage, der dem heutigen Verlauf der Seine sehr, sehr nahe kommt, mit dem Fluss direkt verbunden gewesen sein musste.

Wasserführender Kanal

Direkte Hinweise erbrachte das Sediment des heute verfüllten Befestigungsgrabens, das eindeutig fluviatilen (= von Flüssen verursachten) Einflüssen ausgesetzt war. Dieser Grabenabschnitt entsprach also gleichsam einem wasserführenden Kanal, dessen Flanken, wie auch heute üblich, mit großen Steinplatten bewehrt waren. Dieser Kanal ist nun begrenzt durch eine Art gewaltige Kaimauer, die im Inneren (!) des Grabens liegt und diesen quer zu seinem Verlauf vollständig abzuriegeln scheint. Die Erhaltung dieses Bauwerks ist nahezu perfekt, geschützt und konserviert durch die Sedimente im Graben.

Die Seine-seitig freigelegte Front ist mittels einer breiten begehbaren Stufe getreppt, die knapp über dem damals anzunehmenden Wasserspiegel liegt. Knapp vor der Mauerfront ist die Sohle des Grabens ebenso quer zu seinem Verlauf nochmals eingetieft, was der Struktur einen "Fahrrinnen"-artigen Charakter verleiht. Die Mauerkonstruktion ist in der üblichen Technik für Befestigungsanlagen ausgeführt, mittels im Kern verankerter vertikaler und horizontaler Holzpfosten und -balken, die sich als Negativabdrücke im trocken gesetzten Steinmaterial abzeichnen. Das Bauwerk dürfte darüber hinaus noch eine Brückenfunktion zur Querung des Grabens beziehungsweise "Hafenbeckens" ausgeübt haben, die die Seine-seitig gelegene Außenzone mit dem Siedlungsinneren verband.

Analyse und Auswertung

So wenig, wie die Grabungsarbeit vollständig abgeschlossen ist – der zumindest überraschende Befund, um den Begriff "sensationell" nicht überzustrapazieren, ist weit davon entfernt, vollständig freigelegt und verstanden worden zu sein –, so wenig haben Gerald Raab und die Autoren ihre Arbeit für heuer abgeschlossen. Funde und Befunde müssen analysiert und ausgewertet werden, Berichte vorgelegt und neue Mittel und Genehmigungen erwirkt werden. Der erfreuliche Befund und das Wohlgefallen, eine schöne, alte Theorie belegt zu haben, lassen die kommende Arbeit leichter fallen.

Fortsetzung folgt? (Thomas Pertlwieser, Otto H. Urban, 15.9.2016)

Thomas Pertlwieser ist archäologischer Grafiker am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien. Zusammen mit Otto. H. Urban untersucht er seit mehr als 25 Jahren Befestigungswerke unterschiedlicher Epochen, seit 1995 auch in Frankreich.

Otto H. Urban ist Professor für Urgeschichte am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der keltische Archäologie Mittel- und Westeuropas, des urgeschichtlicher Befestigungsbaus und Urbanisierungsprozessen sowie der Methodik und Forschungsgeschichte.

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Zum Thema

  • Blick auf den Mont Lassois. Im Vordergrund der Flusslauf der Seine, dazwischen die Grabungstelle des Jahres 2016.
    foto: g. raab

    Blick auf den Mont Lassois. Im Vordergrund der Flusslauf der Seine, dazwischen die Grabungstelle des Jahres 2016.

  • Die Kaimauer im Befestigungsgraben. Heute ist das "Hafenbecken" wieder wassergefüllt.
    foto: th. pertlwieser

    Die Kaimauer im Befestigungsgraben. Heute ist das "Hafenbecken" wieder wassergefüllt.

  • Blick auf die Oberkante der Kaimauer. Gut zu erkennen sind die Abdrücke rechteckigen Holzkästen des inneren Balkenwerks. Freundlicherweise wurden sie von den Erbauern mit unterschiedlichem Steinmaterial befüllt.
    foto: th. pertlwieser

    Blick auf die Oberkante der Kaimauer. Gut zu erkennen sind die Abdrücke rechteckigen Holzkästen des inneren Balkenwerks. Freundlicherweise wurden sie von den Erbauern mit unterschiedlichem Steinmaterial befüllt.

  • Das karge Fundmaterial der Kampagne 2016. Aber ausreichend, um die gewaltigen Befunde zu datieren!
    foto: a. linzbauer

    Das karge Fundmaterial der Kampagne 2016. Aber ausreichend, um die gewaltigen Befunde zu datieren!

  • Gerald Raab (rechts) mit Bootsführer bei der Rohdatengewinnung zur Erstellung eines 3D-Modells des Seine-Bettes.
    foto: th. pertlwieser

    Gerald Raab (rechts) mit Bootsführer bei der Rohdatengewinnung zur Erstellung eines 3D-Modells des Seine-Bettes.

  • Otto H. Urban erzählt einem TV-Team von der Bedeutung des Fürstensitzes.
    foto: th. pertlwieser

    Otto H. Urban erzählt einem TV-Team von der Bedeutung des Fürstensitzes.

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