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Reportage17. September 2016, 12:00

Nur ein paar Schritte neben den Rednerpulten, dort, wo der tschechische Außenminister heutzutage mit Staatsgästen vor die Presse tritt, befindet sich die unauffällige Tür ins Private und Vergangene. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der tschechoslowakische Chefdiplomat Jan Masaryk hier, im zweiten Stock des Ministeriums, seine Dienstwohnung. Heute bleibt dieser Teil des Prager Palais Czernin meist verschlossen. Fast alles in der Wohnung ist noch so wie im Jahr 1948 – dem Jahr von Masaryks tragischem Tod.

Es riecht nach Büchern und schweren Teppichen auf blank polierten Parkettböden. Da und dort blitzt zwischen älteren Möbeln der Chic der 1920er und 1930er Jahre auf. Was genau sich in den frühen Morgenstunden des 10. März 1948 hier abgespielt hat, darüber scheiden sich bis heute die Geister. Tatsache ist, dass Masaryk damals aus dem Badezimmerfenster in den Hof seines Ministeriums stürzte, wo er kurz darauf tot aufgefunden wurde.

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Mit seinem schelmischen Humor und seiner Volksnähe galt Jan Masaryk (oben) nach dem Zweiten Weltkrieg als beliebtester Politiker der Tschechoslowakei.

Kommunisten am Ziel

Nur zwei Wochen zuvor hatten die Kommunisten im Land die Macht übernommen. In der neuen Regierung, die just am 10. März im Parlament vorgestellt wurde, wäre Masaryk der einzige nicht kommunistische Minister gewesen. Alle anderen waren zuvor aus Protest gegen die wachsende KP-Vorherrschaft im Polizeiapparat zurückgetreten – und wollten auf diese Art Neuwahlen erzwingen.

Der Schuss ging nach hinten los: Der kommunistische Premier Klement Gottwald nominierte für die frei gewordenen Regierungssitze eigene Parteigänger. Präsident Edvard Beneš, durch Massendemonstrationen und Drohungen mit dem Eingreifen der Roten Armee unter Druck gesetzt, gab nach und ernannte am 25. Februar ein neues, kommunistisch dominiertes Kabinett. Es ist der Tag, der den Beginn von mehr als 40 Jahren KP-Herrschaft in der Tschechoslowakei markiert.

Jan Masaryk blieb trotzdem. Der Sohn von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Gründer und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, war schon während des Krieges Außenminister in der Londoner Exilregierung von Edvard Beneš gewesen. In der Heimat herrschten damals die Nazis über ihr "Protektorat Böhmen und Mähren". Seinem 1937 verstorbenen Vater soll Jan Masaryk einmal versprochen haben, in schwierigen Situationen an der Seite von Beneš zu bleiben. Laut seiner Großnichte Charlotta Kotíková war der parteilose Minister zudem davon überzeugt, dass gerade in revolutionären Zeiten Beständigkeit gefragt sei. "Es ist schwer zu sagen, inwieweit dieses Urteil damals falsch war", sagte Kotíková jüngst in einer Sendung des tschechischen Fernsehens.

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Arbeitszimmer der Wohnung von Masaryk.

Mann des Ausgleichs

In jenem Winter 1948 kursierten in Prag aber auch Gerüchte, Jan Masaryk wolle nach Großbritannien emigrieren und sich dort vielleicht sogar an die Spitze der antikommunistischen Exilbewegung setzen. Denn auch wenn Masaryk als Mann des Ausgleichs galt und sein Land gerne in einer Brückenfunktion zwischen Ost und West gesehen hätte, so waren seine Vorbehalte gegen die Machtpolitik der Sowjetunion doch allgemein bekannt. Schon 1947 hatte er öffentlich beklagt, dass Stalin die Teilnahme der Tschechoslowakei am Marshallplan, dem US-Wiederaufbauprogramm für Europa, verhindert hatte.

Ob als lästiger Minister oder potentieller Emigrant: Jan Masaryk muss ein Stachel im Fleisch der tschechoslowakischen Kommunisten und ihrer Moskauer Verbündeten gewesen sein. Das nährt jene Theorie, wonach er Opfer eines Mordkomplotts wurde. Es gibt jedoch auch Berichte über häufige Depressionen Masaryks. Zudem entpuppte sich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten auf Basis demokratischer Prinzipien zunehmend als Illusion. Sein unauflösbares politisches – und damit persönliches – Dilemma muss ihm immer mehr bewusst geworden sein, meinen die Anhänger der Selbstmordthese.

"Wir sind ja jetzt Proletarier"

Zahlreiche Zeugen bestätigen, dass Jan Masaryk am 9. März 1948 offenbar bester Laune war. Vor einem Empfang für den polnischen Botschafter bat er seinen Assistenten, ihm einen nicht zu formellen Straßenanzug herzurichten: "Wir sind ja jetzt Proletarier." Seinen Privatsekretär amüsierte er kurz darauf mit der Frage, ob er bei der Regierungssitzung am nächsten Tag nicht überhaupt im blauen Monteuranzug aufkreuzen sollte.

foto: schubert
Das Außenministerium in Prag.

Als Jan Masaryk am 10. März gegen 5:30 Uhr tot im Hof des Ministeriums gefunden wurde, trug er seinen Pyjama. Der eilig herbeigerufene Innenminister Václav Nosek legte die Ermittlungen umgehend in die Hände der kommunistischen Staatssicherheit – und berichtete bereits wenige Stunden später im Parlament vom "Selbstmord" des Außenministers.

Gescheiterter Fluchtversuch?

Zur selben Zeit wurde im Palais Czernin Masaryks Wohnung untersucht. Dort herrschte heilloses Chaos: das Bett völlig zerwühlt, auf dem Badezimmerboden Kissen und zerbrochene Kosmetikflaschen. Spuren eines Kampfes in der Wohnung also, nicht aber an der Leiche? Masaryk, so eine gängige Erklärung, hörte seine Häscher kommen, rannte ins Bad, wollte sich auf das Sims unter dem Fenster retten – und wurde von dort 14 Meter in die Tiefe gestoßen.

foto: schubert
Jan Masaryks letzter Weg führte ihn in den Morgenstunden des 10. März 1948 aus dem Schlafzimmer seiner Dienstwohnung im Prager Außenministerium ins Badezimmer, wo er unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Fenster stürzte. Im Hof, an der Stelle seines Aufpralls, erinnert eine kleine Plakette an ihn. Die Polizei geht heute offiziell von Mord aus.

Wie alle Theorien zu Masaryks Tod ist auch diese nicht bewiesen. Vor der demokratischen Wende des Jahres 1989 galt stets die Selbstmordvariante, ein Verfahren in den 1990er Jahren brachte kaum neue Anhaltspunkte. Die bisher letzte Untersuchung fand von 2001 bis 2003 statt. Ein Amtshilfeansuchen nach Moskau wurde abgelehnt: Die Dokumente aus russischen Archiven, von denen man sich in Prag so manche bisher unbekannte Spur erhoffte, würden der Geheimhaltung unterliegen.

Moderne Forensik

Neuigkeiten brachte jedoch die computergestützte Forensik: Von der dokumentierten Lage des Körpers könne man exakte Rückschlüsse auf die Dynamik des Sturzes ziehen, erklärte der Biomechaniker Jiří Straus von der tschechischen Polizeiakademie. Ein Selbstmord sei demnach ebenso ausgeschlossen wie ein Unfall – der nie ernsthaft in Betracht gezogen wurde: Masaryk lag etwa drei Meter vom Gebäude entfernt auf dem Rücken, mit den Füßen zur Mauer. Straus ist sicher: Der Sturz war Folge äußerer Gewalteinwirkung.

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Den Eingang von Jan Masaryks Geburtshaus im Prager Bezirk Vinohrady ziert eine Büste mit dem berühmten Bonmot.

Mitarbeiter Masaryks waren bereits früher zur selben Überzeugung gelangt – wenn auch aus ganz anderen Gründen: Der Herr Minister, erzählten sie, habe im Büro immer Wert auf gutes Benehmen und angemessene Kleidung gelegt. Wenn er sich hätte umbringen wollen, dann wäre er gewiss nicht im Pyjama in den Hof seines eigenen Ministeriums gesprungen. Die Polizei legte den Fall 2003 schließlich erneut zu den Akten – diesmal allerdings als Mord mit unbekanntem Täter. Sollten neue Indizien auftauchen, etwa durch die Öffnung ausländischer Geheimdienstarchive, werde weiter ermittelt, heißt es im Abschlussbericht.

Prager Fensterstürze

Bis dahin bleibt der "dritte Prager Festersturz" ein ungelöstes Rätsel. Der erste stand 1419 am Beginn der Hussitenkriege: Anhänger des als Ketzer verbrannten Kirchenreformators Jan Hus warfen zehn Menschen, darunter den Bürgermeister, aus dem Neustädter Rathaus. Fenstersturz Nummer Zwei gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges: Vertreter der protestantischen Stände "defenestrierten" 1618 auf der Burg zwei königliche Statthalter und einen Kanzleisekretär.

Symbolisch für den Beginn des Kalten Krieges steht Fenstersturz Nummer Drei. Dass er bis heute nicht geklärt ist, wirkt wie die Einlösung eines legendären Bonmots, mit dem Jan Masaryk einmal den präsidialen, einst väterlichen Wappenspruch in gewohnt verschmitzter Manier erweiterte. Frei übersetzt geht es etwa so: Die Wahrheit siegt – aber es ist eine ziemliche Hack‘n. (Gerald Schubert, 17.9.2016)