Die Bierzeltdemokratie

Userkommentar17. September 2016, 09:18
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Schämen muss man sich nicht für den Kleber, sondern für die Diskussionskultur. Der "Runde Tisch" Montagabend im ORF offenbarte, was im Land schief läuft

Montagabend durften wir nach der ZiB2 den sechs Klubobleuten der Parteien, die wir Wählerinnen und Wähler ins Parlament gewählt haben, bei einer Diskussion über die zweifelsohne peinliche Wahlwiederholungsverschiebung zuhören.

Natürlich gibt es da Diskussionsbedarf. Und dafür eben eine Plattform in Gestalt eines "Runden Tisches" im ORF, dem Symbol für Verständigung und konstruktive Auseinandersetzung – zumindest theoretisch. Denn das TV-Publikum sah eine würdelose Vorstellung von spätpubertären Rüpeln. Ein wahrlich ungustiöser Auftritt. Wir müssen uns nicht für einen defekten Kleber schämen, dachte ich an diesem Montagabend, aber für diese Gruppe von Volksvertretern und ihr Benehmen müssen wir das allemal.

Was schief läuft

Wir durften auf eindrucksvolle Art und Weise bestaunen, was in unsrem Land tatsächlich falsch läuft. Da sitzt eine Gruppe von Gewählten beieinander, und einer benimmt sich wie ein in ein Aufputschmittel gefallener Duracellhase ohne Manieren. Das kennt man von ihm und seiner Partei, die für gewöhnlich im Bierzelt reüssieren, in einem Setting, wo nicht Politik volksnah wird, sondern zur trachtenschwangeren Saufveranstaltung, wo Hemmung und menschliches Verhalten bis zur Unkenntlichkeit weggeschunkelt werden. Und ihm gelang es, diese ORF-Sendung in ein solches Bierzelt zu verwandeln, auch dank der Widerstandslosigkeit der Moderatorin. Aber auch seine Gesprächspartner waren überfordert mit der Situation, wussten nicht, was sie tun sollten, vergaßen ebenfalls ihre Manieren, schrieen durch- und übereinander, allesamt der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und das ist im Kleinen das, was auch im Großen in unserem Land schief läuft. Eine Partei, die je nach Alkoholisierungsgrad des Wählers, je nach Bierzeltstimmung, zwischen drei und 30 Prozent der Stimmen erhält, vergiftet jedes konstruktive Klima, verhindert jede Auseinandersetzung, die das Ziel hat, das Land und die Gesellschaft weiterzubringen, ist geübt in der Zerstörung, im Kaputtmachen. Und die anderen wissen nicht, wie sie mit jemanden umgehen sollen, dessen Argumente das lautere Schreien und die Missachtung jeder Umgangsform sind. Das sind keine Proleten, denn Proleten haben Haltung.

Aufstehen und gehen

Natürlich fragt man sich, was kann man da tun? Wie hätte ich reagiert? Wie sehr ich es auch drehe und wende, komme ich immer wieder auf den selben Punkt zurück: Aufstehen und gehen. Ja, mitten in der Livesendung. Jetzt werden einige aufschreien und sagen, das geht nicht, das wäre Gesprächsverweigerung. Jenen antworte ich: Nein. Um ein Gespräch verweigern zu können, muss erst mal ein Gespräch stattfinden. Das war kein Gespräch. Es war dumm, würdelos und legte ein Niveau an den Tag, das wir uns nicht leisten dürfen und für das ich auch nicht zur Verfügung stehen würde. Ein Niveau, das ich in dem Land, in dem ich lebe, nicht haben will.

Demokratie definiert sich auch durch ihre Grenzen. Ja, ich bin seit diesem Montag mehr denn je der Überzeugung, dass man solche Rüpel vom demokratischen Prozess ausschließen muss, dass das der Fehler ist, den wir seit 70 Jahren machen. Natürlich sind Strache & Co, die FPÖ-Riege keine Nazis mehr, aber sie haben sich einer Partei bemächtigt, die aus jener Tradition kommt, und die sich immer schon dieser derart konnotierten Mechanismen bedient hat: Antisemitismus, von dem man nicht weiß, ob tief empfunden, oder nur, um eine Schlagzeile zu ergattern (weiß nicht, was unappetitlicher ist); Ausländerfeindlichkeit, angenehm, weil im Bedarfsfall immer genug da sind, gegen die man pöbeln kann; rassistisch, weil die Idee der Herrenrasse beim völkischtümmelnden Publikum im Bierdunst immer reingeht.

Ja, wir müssen Grenzen ziehen, definieren, mit wem wir sprechen und wer an unserem "Runden Tisch" keinen Platz haben darf. Sie finden das undemokratisch? Dann versetzen Sie sich in die Lage eines Elternteils, das seinem bald 16-jährigen Kind klarmachen möchte, warum Demokratie wichtig ist. Und dann stellen Sie sich vor, dieses Kind sieht diesen "Runden Tisch". (Fabian Eder, 17.9.2016)

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