Bildungsaufstieg in Österreich schwer, ganz besonders für Migranten

15. September 2016, 11:30
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Herkunft entscheidet stark über Bildungserfolg, zeigt die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick". Österreichs berufsbildende Schulen sind ein Erfolgsmodell

Wien – In Österreich gibt es nach wie vor einen sehr engen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Eltern beziehungsweise der Herkunftsfamilie und dem Bildungsniveau, das ihre Kinder erreichen (können). Das ist eine der zentralen Aussagen der neuen, am Donnerstag weltweit präsentierten OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" (Education at a Glance). Oder, wie die OECD-Analysten, die mit Datenmaterial der Statistik Austria gearbeitet haben, im Österreich-Bericht schreiben: "Das Bildungsniveau der Erwachsenen in Österreich spiegelt die Herkunft ihrer Eltern und deren Bildungsniveau wider." Das gilt umso mehr für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Studie zeigt zudem, dass ein längerer Kindergartenbesuch die Mathematikleistungen verbessert.

foto: apa/gindl
Der Bildungsaufstieg ist in Österreich weiterhin schwer.

Bildungsmobilität: Das Kapitel Bildungsmobilität ist jenes, in dem Österreich systematisch das Schlusslicht bildet, also bei der Frage nach dem Bildungsaufstieg der Kinder im Vergleich zum formalen Bildungsniveau der Eltern. Wenn es darum geht, dass die nächste Generation in der Familie die vorherige überholt, weisen die Daten für das österreichische Bildungssystem im internationalen Vergleich deutlich schlechtere Ergebnisse aus.

So haben hierzulande nur 17 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer zwischen 25 und 44 Jahren, deren Eltern zumindest eine Lehre oder eine berufsbildende mittlere oder höhere Schule (BMHS) oder zum Beispiel auch eine Diplomkrankenpflegeausbildung absolviert haben, einen Tertiärabschluss, also einen akademischen Hochschulabschluss. Im OECD-Schnitt überholen hingegen 44 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer in dieser Altersgruppe ihre Eltern im Hinblick auf deren Bildungsabschluss.

Wie in vielen anderen OECD-Ländern ist der Bildungsaufstieg für Kinder, deren Eltern im Ausland geboren sind, schwieriger als für jene mit inländischen Eltern. Sie hätten "besondere Hindernisse" zu überwinden, schreibt die OECD. Von jenen 25- bis 44-Jährigen, deren beide Eltern im Ausland geboren sind und nur Pflichtschulabschluss haben, haben hierzulande 50 Prozent eine Lehre oder berufsbildende mittlere Schule nicht abgeschlosssen (OECD-Schnitt: 37 Prozent), erreichen also wie ihre Eltern nur Pflichtschulabschlussniveau. Im Gegensatz dazu brechen nur 16 Prozent der jungen Erwachsenen mit österreichischen Eltern mit Pflichtschulabschluss eine Lehre oder BMHS frühzeitig ab (OECD-Schnitt: 27 Prozent).

Weiters schreibt die OECD über Österreich, dass hierzulande die sogenannte Aufwärtsmobilität bis zum Hochschulabschluss seltener gelingt als im OECD-Schnitt. "Nur sechs Prozent der 25- bis 44-Jährigen, deren Eltern im Ausland geboren sind und nur Pflichtschulabschluss haben, erreichen einen Tertiärabschluss, während es OECD-weit im Schnitt 22 Prozent sind."

Wirft man allerdings einen Blick auf die inländische, also im jeweiligen Land geborene Elterngeneration, so schaffen im OECD-Schnitt 23 Prozent der Kinder aus diesen Familien einen akademischen Abschluss und überrunden damit ihre Eltern, die weder Lehre noch BMHS abgeschlossen haben. In Österreich gelingt das selbst in dieser Inländergruppe nur zwölf Prozent.

Im OECD-Bericht heißt es zu der "relativ großen Differenz" zwischen Inländern und Menschen mit Migrationshintergrund, die es neben Österreich auch in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden gibt, dass das "mit der Immigrationspolitik in diesen Ländern zusammenhängen kann".

Als Erklärung für die geringe formale Bildungsmobilität in Österreich führt die OECD an, dass in Österreich, aber auch in Tschechien, Deutschland, Polen, der Slowakei und Slowenien ein BMHS-Abschluss, aber auch eine Lehre eine "verhältnismäßig wichtige Rolle spielen und gut anerkannte Arbeitsmarktqualifikationen darstellen".

foto: apa/hochmuth
Immer mehr Österreicher besuchen eine Hochschule.

Hochschulbereich: Dass Hochschulbildung in den OECD-Analysen immer einen besonderen Stellenwert besitzt, liegt in deren "starkem Einfluss auf den Arbeitsmarkt", heißt es im Bericht. Oder, in anderen Worten: je höher das Bildungsniveau, desto größer die Chance, nicht arbeitslos zu werden. Da wird auch heuer berichtet, dass der Anteil der Bevölkerung Österreichs mit einem tertiären Bildungsabschluss weiter zunimmt – allerdings noch immer unter dem OECD-Schnitt liegt. Hatten 2005 noch 31 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 einen Hochschulabschluss, waren es zehn Jahre später 39 Prozent; dieser Zuwachs erfolgt nur minimal langsamer als im OECD-Vergleich, wo der Anteil von 33 Prozent auf 42 Prozent im Jahr 2015 gestiegen ist.

Zu den Tertiärabschlüssen werden übrigens auch die vierten und fünften Klassen der berufsbildenden höheren Schulen wie HAK und HTL sowie Aufbaulehrgänge als "Kurzstudien" gerechnet. Laut dieser Berechnung kommt dann eine Akademikerquote unter den 25- bis 64-jährigen Österreicherinnen und Österreichern von 31 Prozent heraus. Ungefähr die Hälfte davon hat ein Kurzstudium, das entspricht etwa 15 Prozent der untersuchten Population und ist fast doppelt so hoch wie der OECD-Schnitt (8 Prozent). Nur rund drei Prozent der Österreicher haben einen Bachelorabschluss (OECD-Schnitt: 16 Prozent). In den höheren Bildungsregionen – bei Master (12 Prozent) und Doktorat (1 Prozent) – liegt Österreich näher am (11 Prozent) oder im OECD-Schnitt (1 Prozent).

Auch heuer gibt es wieder zu berichten, dass Österreich besonders viele internationale Studierende anzieht (14 Prozent, OECD-Schnitt: 10 Prozent), wobei es sich bei ihnen vor allem um Deutsche (39 Prozent) und Italiener beziehungsweise vermutlich Südtiroler (13 Prozent) handelt.

foto: apa/neubauer
Die Lehre ist ein österreichisches Erfolgsmodell. Im Bild: Bundeskanzler Christian Kern, damals noch ÖBB-Chef, bei einem Besuch der Lehrlinge der Bundesbahn.

Berufsorientierte Bildung: Beim Bildungsniveau insgesamt schneidet Österreich recht gut ab, denn hierzulande haben in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen nur zehn Prozent lediglich einen Pflichtschulabschluss. Das ist deutlich weniger als der OECD-Schnitt, der bei 16 Prozent liegt.

Einen guten Wert gibt es auch für die "NEETs", also jene jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24, die weder in einer Ausbildung noch in irgendeinem Berufstraining oder einem Arbeitsverhältnis sind ("Not in Education, Employment or Training"). Während der OECD-Schnitt bei 17 Prozent liegt, sind es in Österreich 11,7 Prozent, allerdings in absoluten Zahlen auch 61.000 Personen.

Vor allem bei der berufsorientierten Bildung gibt es für Österreich traditionell gute Vergleichszahlen. Auf Basis der Daten von 2014 absolvierten in Österreich 44 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine Lehre (21 Prozent, OECD-Schnitt: 6,7 Prozent) oder eine berufsorientierte Ausbildung an einer BMHS (23 Prozent, OECD-Schnitt: 18 Prozent). Knapp ein Fünftel dieser Altersgruppe (18 Prozent) besucht eine allgemeinbildende höhere Schule (OECD-Schnitt: 35 Prozent).

Der erfolgreiche berufsorientierte Schulbereich kostet allerdings auch etwas. Österreich gibt im OECD-Vergleich den dritthöchsten Betrag pro Schüler/-in in einer BMHS aus, nämlich jährlich rund 14.700 Euro (OECD-Schnitt: 8.900 Euro). Im Gegensatz dazu werden pro Schüler oder Schülerin einer AHS im Jahr 11.800 Euro ausgegeben (OECD-Schnitt: 8.100 Euro).

foto: reuters/yip
In Österreich besuchen mehr Kinder einen Kindergarten als im OECD-Durchschnitt.

Frühkindliche Bildung: Besonderes Augenmerk legt die OECD auf die frühkindliche Bildung, die "später einen Unterschied ausmacht", wie es heißt. 73 Prozent der Dreijährigen in Österreich besuchen einen Kindergarten, das sind etwas mehr als im OECD-Vergleich (71 Prozent). Bei den Vierjährigen sind es bereits 92 Prozent (OECD-Schnitt: 86 Prozent), und von den Fünfjährigen besuchen in Österreich 96 Prozent einen Kindergarten, im OECD-Schnitt tun das 81 Prozent – allerdings wird darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern diese Kinder mitunter bereits eingeschult sind.

Dass ein Kindergartenbesuch gut für den späteren Bildungsweg ist, wird mit einer Grafik zum Zusammenhang von frühkindlicher Erziehung und der Mathematik-Performance bei der Pisa-Studie gezeigt. Demnach waren von jenen Schülerinnen und Schülern, die in Mathematik besonders schlecht abschnitten, etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) gar nicht im Kindergarten, jene, die mehr als ein Jahr Kindergarten hinter sich hatten, machten in der Low-Performer-Gruppe etwa ein Sechstel (17 Prozent) aus.

Schule: Bekannte Ergebnisse gibt es wieder im Hinblick auf die Lehrergehälter in Österreich.

foto: apa/hochmuth
Die durchschnittlichen Lehrergehälter in der Sekundarstufe I liegen in Österreich über dem OECD-Schnitt.

Die durchschnittlichen Lehrergehälter in der Sekundarstufe I (Unterstufe AHS, Haupt- beziehungsweise Neue Mittelschule) liegen in Österreich über dem OECD-Schnitt. Das erklärt sich aus etwas höheren Anfangsgehältern (30.600 Euro pro Jahr, OECD-Schnitt: 27.800 Euro) und vor allem aus der "Senioritätsdynamik" der Gehälter, die am Ende der Karriere überdurchschnittlich zu Buche schlägt. In Österreich kommt man auf ein durchschnittliches Maximalgehalt für Lehrerinnen und Lehrer im Sekundarbereich I von fast 70.000 Euro. Auch Deutschland und Südkorea werden in dieser Bandbreite eingeordnet. Das OECD-Maximum beträgt im Durchschnitt 51.300 Euro.

In Tschechien und der Slowakei kommen Lehrerinnen und Lehrer am Ende ihrer Karriere und mit der höchsten Qualifikation hingegen auf weniger als 22.300 Euro. Am anderen Ende rangieren ihre Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz, wo es mehr als 80.100 Euro im Jahr gibt, und in Luxemburg liegen die Lehrerhöchstgehälter über 115.700 Euro jährlich.

Die hohen Gehälter am Ende einer Lehrerkarriere in Österreich wirken sich auch deswegen so stark in der Statistik aus, weil die Altersstruktur einen höheren Anteil über 50-jähriger Pädagoginnen und Pädagogen ausweist als im OECD-Schnitt (36 Prozent in Österreich, 30 Prozent im OECD-Schnitt). Unter 30 sind in Österreich 14 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer (OECD-Schnitt: 13 Prozent), 30 bis 39 sind in Österreich ein Fünftel (OECD-Schnitt: 28 Prozent), und in die Altersklasse 40 bis 49 fallen hierzulande 30 Prozent der Lehrenden, was weitgehend dem OECD-Schnitt von 29 Prozent entspricht.

Die zahlenmäßige Pro-Kopf-Relation zwischen Schülern und Lehrern ist in Österreich niedriger als im OECD-Schnitt. Sowohl im AHS- als auch im BMHS-Bereich kommen zehn Schüler/-innen auf einen Lehrer oder eine Lehrerin. Im OECD-Schnitt sind es 13 im AHS-Bereich und 14 in den berufsorientierten Schulen. Auch bei der Klassengröße rangiert Österreich auf den hinteren Rängen mit niedrigeren Werten als der OECD-Schnitt. In der Volksschule sitzen hierzulande im Schnitt 18 Schüler/-innen (OECD-Schnitt: 21), in der Unterstufe bis 14 (AHS, Haupt-, Neue Mittelschulen) sind es 21 in Österreich und 23 im OECD-Schnitt. Dieser niedrige Wert ergibt sich aus der österreichischen Schulstruktur mit vielen Klein- und Kleinstschulen.

Auch bei den Unterrichtsstunden liegt Österreich mit 607 Stunden pro Jahr in der Sekundarstufe I (Unterstufe bis 14) unter dem OECD-Schnitt (694). Allerdings: Nur die Menge macht es offenbar nicht aus. Pisa-Vorzeigeland Finnland kommt mit 589 Unterrichtsstunden aus, während Stundenspitzenreiter Kolumbien auf 1.200 Unterrichtseinheiten pro Jahr kommt.

Bildungsausgaben: Hohe Werte weist der OECD-Vergleich, für den die Bildungskennzahlen der 35 OECD-Mitgliedsstaaten, von Brasilien und Russland, die beide nach OECD-Bildungsindikatorensystem arbeiten, sowie die Länder Argentinien, China, Kolumbien, Costa Rica, Indien, Indonesien, Litauen, Saudi-Arabien, Südafrika und Israel verglichen werden, für die Bildungsausgaben aus. Sie liegen nicht nur für die berufsbildenden Schulen, sondern für alle Schulbereiche über dem OECD-Schnitt. Zusammengefasst vom Primarbildungsbereich bis zum Hochschulsektor gibt Österreich pro Schüler/-in beziehungsweise Studierenden 12.800 Euro pro Jahr aus, im OEDC-Schnitt sind es 9.300 Euro. (Lisa Nimmervoll, 15.9.2016)

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