Russland: Brennender Topfen und die behördliche Unschuld

Blog mit Video14. September 2016, 16:10
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Journalisten deckten auf, dass Milchprodukte brannten. Dann wollten sie herausfinden, wieso die Molkerei ein Gütezertifikat erhielt

Als Anfang des Sommers russische Journalisten über brennenden Topfen in den Auslagen der Millionenstadt St. Petersburg berichteten, entfachten sie ein Echo im ganzen Land – und sogar über dessen Grenzen hinaus. Während die Reaktion im Ausland nicht frei von Schadenfreude war (hatte Russland doch den Import von Milchprodukten aus der EU verboten), herrschten in Russland vor allem Unsicherheit und gerechte Empörung über die skrupellosen Geschäftemacher und laxen Kontrollen. Ein Testvideo, auf dem der Topfen auf einem Löffel minutenlang lichterloh in Flammen stand, dabei den Geruch verbrannten Plastiks verströmend, verschlug vielen Russen den Appetit.

fontanka ru
Das Internetportal fontanka.ru testete Topfen aus St. Petersburg. Mit Erfolg – er brannte.

Immerhin: Die Verbraucherbehörde reagierte auf die Publikation und entzog sowohl der Vertriebsorganisation Lenregionprodukt als auch dem Hersteller, der Molkerei Lew Tolstoi aus dem Gebiet Lipezk, die Lizenz. Doch dann gingen die Korrespondenten des Internetportals fontanka.ru der Obrigkeit zu weit: Wollten sie doch nun auch noch herausfinden, wie die Molkerei überhaupt an das Gütezertifikat gekommen war. Für ihre Recherchen gründeten die Journalisten eine Scheinfirma, die gegen einen geringen Aufschlag die Zertifizierungsnummer angeblich erfolgreicher Labortests für ihren Topfen bekam, obwohl die Tests nie stattgefunden hatten.

"Initiative wird bestraft"

Doch "Initiative wird bestraft", wie es im russischen Volksmund nicht umsonst heißt: Als die Journalisten das Ergebnis ihrer Ermittlungen der föderalen Registrierbehörde mitteilten, folgte zwar zunächst ein Dankesschreiben und die Versicherung, den Fall zu untersuchen. Doch nur eine Woche später wurde fontanka.ru vom Amt darüber unterrichtet, dass ihre zu Recherchezwecken gegründete Firma zu einem Schadenersatz von 300.000 Rubel (mehr als 4.000 Euro) verdonnert werden soll.

Der Witz dabei: Die Behörde, die die Zertifikate ausgestellt hat, wird nicht zur Rechenschaft gezogen. Laut der geltenden Rechtslage "trägt der Antragsteller die Verantwortung für die Deklarierung". Das erinnert an ein weiteres geflügeltes Wort der Russen – bekannt aus dem sowjetischen Kultfilm "Der Brillantenarm", in dem die Verführerin des naiven Haupthelden (gespielt von Juri Nikulin) beim Eintreffen der Miliz laut schreit: "Ich bin nicht schuld, er ist selbst zu mir gekommen."

Und noch eine Volksweisheit

Die Gleichsetzung von Verantwortungslosigkeit mit Unschuld scheint ein weit verbreitetes Phänomen in russischen Amtsstuben zu sein, wenn es die eigene Tätigkeit betrifft. Fontanka.ru hingegen muss darauf hoffen, dass auch eine dritte russische Volksweisheit sich bewahrheitet, die da lautet: "Die Härte des russischen Gesetzes wird durch seine Nichteinhaltung gemildert." Am Ende sollte sich in diesem Fall auch in Russland der gesunde Menschenverstand durchsetzen. (André Ballin aus Moskau, 14.9.2016)

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