Eine Chance für Syrien

Kommentar13. September 2016, 18:03
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Rasche humanitäre Hilfe könnte die radikalen Rebellen Unterstützung kosten

Zumindest in den ersten 24 Stunden wurde die von den USA und Russland verordnete "Einstellung der Feindseligkeiten" in Syrien nicht lückenlos, aber doch weitgehend befolgt. Trotz aller Zweifel über die längerfristige Durchsetzbarkeit der Feuerpause kommt die einstweilige Beruhigung nicht ganz unerwartet. Denn auch jene radikalen Gruppen, die den Pakt eigentlich ablehnen und das auch kundgetan haben, müssen erst einmal selbst sondieren, wie die mit ihnen verflochtenen gemäßigteren Kräfte reagieren. Die syrische Rebellenszene steht vor einer großen Zerreißprobe.

Ein kritischer Punkt wird erreicht werden, wenn nach 48 Stunden plus einer Woche Waffenruhe die US-russische militärisch-logistische, vielleicht sogar operative Zusammenarbeit gegen "Terroristen" starten soll. Werden die anderen Rebellengruppen ruhig zusehen, wenn die in Fatah-Front umbenannte Nusra-Front, die die USA und Russland weiterhin als Al-Kaida-Filiale einstufen, angegriffen wird? In einer für die Rebellen wesentlichen Frage scheint es Widersprüche zu geben, sogar zwischen US-Außenminister John Kerry und seiner eigenen Regierung: Wenn, wie Kerry zunächst meinte, auch das Assad-Regime ermächtigt würde, die Nusra-Front anzugreifen, wäre das wohl das schnelle Ende der Waffenruhe.

Aber auch wenn Assad im Zaum gehalten wird, ist der Erfolg nicht garantiert. Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow haben nämlich jenen gordischen Knoten nicht durchschlagen, sondern schlicht ignoriert, der "Ahrar al-Sham" (Freie Männer Syriens) heißt. Diese bisher nur genaueren Beobachtern bekannte Rebellengruppe nimmt plötzlich eine Schlüsselrolle ein. Trotz – andere würden sagen: wegen – ihrer radikalen jihadistischen Ideologie war sie der Andockpunkt für Hilfe aus islamischen Ländern, unter anderem der Türkei. Und die USA haben das, um ihre Partner in der Region nicht zu verärgern, hingenommen.

Die Ahrar werden, so ist der aktuelle Stand, sich nicht von Nusra distanzieren, mit der sie besonders in der jüngsten Zeit eng und militärisch sehr erfolgreich kooperiert haben. Abseits aller ideologischen Gründe: Die Gruppe müsste wohl fürchten, dass, wenn sie sich dem amerikanisch-russischen Willen beugt, viele ihrer Kämpfer zur Nusra-Front überlaufen würden.

Aber was heißt das: Wenn die USA tatsächlich das Gemisch Nusra/Ahrar angreifen würden, dann träfen ihre Angriffe auch von ihren Partnern unterstützte Rebellen. Das käme ein paar Wochen, nachdem die mit den USA verbündete Türkei US-unterstützte Rebellen, die syrischen Kurden, angreift. Selbst das Etikett "Stellvertreterkrieg" ist längst zu simpel für die Beschreibung des Kriegs in Syrien.

Es gibt eigentlich nur eine realistische Chance, dass aus der Waffenruhe ein Waffenstillstand wird: Wenn die Beruhigung rasche humanitäre Hilfe bringt, könnte eine Weiterführung des Kampfes so unpopulär werden, dass die radikalen Rebellen, die nicht aufhören wollen, massiv an Unterstützung verlieren.

Dazu müsste Russland jedoch seinen Klienten Assad in Schach halten, der wie immer versuchen wird, seine eigenen Regeln aufzustellen: Denn Hilfe ist ein mächtiges Kommunikationsmittel. Die Uno sollte bei diesem Thema die einzige Instanz sein. Und jeder, der das nicht akzeptiert, beraubt sich des Rechts, an einem späteren politischen Prozess teilzunehmen. (Gudrun Harrer, 13.9.2016)

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