Indonesischer Vulkan Rinjani: So aktiv wie seine Besteiger

15. September 2016, 16:00
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Im Jahr 1258 bescherte der Rinjani auf der indonesischen Insel Lombok dem fernen Europa ein Jahr ohne Sommer. Heute ist der Vulkan Sehnsuchtsziel von ambitionierten Wanderern. Vor Rückwärtsschritten in der losen Asche sollte man sich nicht scheuen

Drei Schritte vor, zwei zurück. Es ist nur noch frustrierend. Stockfinster, windig und bitterkalt, obendrein unglaublich monoton. Drei Schritte vor, zwei zurück. Trotzdem müssen wir konzentriert gehen. Links und rechts des schmalen Weges, der eigentlich nicht einmal diese Bezeichnung verdient, fällt das Geröll steil ins Bodenlose ab. Unsere Kraft ist verbraucht, die Beine bleischwer und die Luft dünn – viel zu dünn. Nur feinsten Staub gibt es im Übermaß. Wanderer vor uns wirbeln bei jedem Tritt Unmengen davon auf. Drei Schritte vor, stop. Noch sind es 400 Höhenmeter bis zum Gipfel des 3726 Meter hohen Mount Rinjani auf der indonesischen Insel Lombok. Wir schauen uns an und wissen, dass kein Sonnenaufgang dieser Welt schön genug sein kann, und brechen ab. Dabei fing drei Tage zuvor alles so entspannt an.

foto: marc vorsatz
Ein Träger im Morgendunst auf dem Weg zum Gipfel des indonesischen Vulkans Rinjani.

Bei heißen Palatschinken, saftigen Mangos und einem duftenden Kaffee lernen wir einander kennen: zwei Studentinnen, Anfang zwanzig, und wir, die deren Eltern sein könnten. Gemeinsam wollen wir den Rinjani-Komplex mit Kraterrand, Caldera und Gipfel erobern. Zu uns gesellt sich Mitrawan. Schüchtern stellt sich der 36-jährige Guide vor, der mindestens zehn Jahre älter aussieht. Awan sollten wir ihn nennen. So rufen ihn seine Freunde. Dann will der drahtige kleine Mann unsere Schuhe begutachten. Bei den Sneakers der jungen Frauen runzelt er nur die Stirn – meint, ja okay, das müsste eigentlich gehen. Unser Abenteuer beginnt.

Ehrgeiziges Tagesprogramm

Der Weg ist befestigt, steigt nur sehr moderat. Exotische Schmetterlinge tanzen über unseren Köpfen. Überall wuchert tropische Vegetation mit Palmen und Bananenstauden zwischen Schlingpflanzen, Bäumen und Gestrüpp. Einzig unterbrochen von ein paar Hütten und kleinen Gemüseäckern. Obwohl der Tag erst beginnt, sitzen ganze Familien gemütlich vor ihren schlichten Bretterbuden und winken uns zu. Zeit scheint hier eine völlig andere Dimension zu haben. Uns Vulkantouristen aus Europa treibt jedoch ein ehrgeiziges Tagesprogramm: der Kraterrand auf 2641 Metern. Zwar nur sieben Kilometer in der Distanz, aber man geht fast vom Meeresniveau weg. Wir kommen gut voran, nicht einmal die leichten Tagesrucksäcke empfinden wir als Last.

foto: istock/amejsen
Ein Guide aus Lombok blickt auf die Caldera des Rinjani mit dem Kratersee Segara Anak und dem Vulkan Mount Baru.

Am offiziellen Eingang zum Rinjani National Park auf 601 Metern betreten wir ein völlig anderes Terrain. Und einen Trampelpfad – schmal, steil und wieder und wieder von Wurzelwerk überwuchert. Schlagartig umfängt uns dichter Regenwald. Hoch oben in den Baumwipfeln springen Schwarze Haubenlanguren munter von Ast zu Ast und beobachten uns neugierig. Die seltenen Schlankaffen leben nur auf Java, Bali und Lombok und zählen zu den gefährdeten Arten. Sie haben sich in die wenigen noch verbliebenen Waldgebiete der drei Inseln zurückgezogen.

Große Versprechen

Es ist heiß, der Schweiß rinnt bereits in Strömen. Am ersten Rastplatz treffen wir unsere vier Träger. Allesamt junge Burschen, gerade volljährig, alle in Badeschlapfen und mit Zigarette im Mund. Rauchen gilt in Indonesien noch als cool, auch auf dem Berg, der Marlboro-Mann verspricht landesweit auf überdimensionalen Plakatwänden westliche Freiheit auf muslimischen Grund. 30 Kilogramm Gepäck müssten sie schleppen, sagen sie. Real sind es um die 20, was bei dem steilen Weg in Flipflops trotz alledem übermenschlich anmutet. Um uns an der nächsten Kochstelle mit Bami Goreng zu überraschen, legen sie ein unglaubliches Tempo vor. Immer wieder kommen uns Wanderer entgegen. Junge, sportliche Backpacker, die wortkarg – da sichtlich entkräftet – sind, aber auch trainierte Siebzigjährige, die mit einem Lied auf den Lippen hinunter ins Tal ziehen.

Makaken und Müll

Auf dem nächsten Rastplatz empfangen uns aggressive Javaneraffen. Die Langschwanzmakaken haben es auf die Essensreste der Menschen abgesehen und durchwühlen sämtlichen liegengelassenen Müll. Davon gibt es bedauerlicherweise viel im Nationalpark entlang der Wege und vor allem rund um die Rastplätze, Mistkübel sucht man vergebens, herumliegender Abfall wird nicht wieder eingesammelt. In der Hochsaison kommen bis zu 1000 Bergwanderer pro Tag, die je zehn Euro Nationalparkgebühr berappen. Viel Geld in Indonesien, der Parkverwaltung kommt davon offensichtlich wenig zugute. "Vielen meiner Landsleute fehlt es an Umweltbewusstsein, und die Träger wollen bei dem schweren Job nicht auch noch unnützen Ballast durch die Gegend schleppen", erklärt Awan achselzuckend. "Irgendwann landet sowieso alles im Meer, sagt man bei uns."

Der Regenwald hat sich gelichtet, nur vereinzelte Bäume halten sich tapfer im Wind. Auf den letzten 600 Höhenmetern Richtung Kraterrand umfangen uns lose Wolkenfetzen, sie ziehen schnell dahin, und es wird merklich kühler. Auf einmal reißt der Dunst auf, und wir erhaschen einen kurzen Blick auf den Vulkan Agung auf der Nachbarinsel Bali. Seine Spitze thront stolz über einer dichten Wolkendecke, und die Abendsonne taucht alles in warmes Licht.

foto: marc vorsatz
Das Nachtlager am Kraterrand in der Abendsonne.

Am Kraterrand die lange ersehnte Belohnung. Der Blick in die riesige Caldera ist grandios. Für viele Wanderer ist dies der eigentliche Höhepunkt der gesamten Trekkingtour. Und als ob das noch nicht genug wäre, ist inmitten der Caldera ein kegelförmiger Mini-Vulkan gewachsen. Aus dem kleinen Mount Baru steigt eine dünne weiße Rauchsäule auf, sichelförmig davor liegt der Segara Anak. Dieser Vulkansee ist an manchen Stellen bis zu 230 Meter tief, kapitale Karpfen tummeln sich darin. Als der Baru 1994 wieder Feuer spuckte, soll der Anak über Wochen gekocht haben. Es bleibt ein Geheimnis des heiligen Berges, wie die Fische im See überleben konnten.

Ein Jahr ohne Sommer

Doch was ist die Eruption dieses Zwergs aus der Neuzeit gegen die des Rinjani anno 1257? Das Jahr darauf sollte als "Das Jahr ohne Sommer" in die Geschichte des fernen Europa eingehen. Dunkle Aschewolken, giftiger Schwefelregen und ein Kälteeinbruch bescherten weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre katastrophale Missernten. Nutzvieh verendete massenhaft, die Menschen litten Hunger und Not.

Jahrzehntelang suchten Geologen nach dem Supervulkan, der die Welt 1258 ins Elend gestürzt hatte. 2013 löste das internationale Forscherteam des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) unter Beteiligung der Universität Bern und der ETH Zürich schließlich das Rätsel. Bohrkernanalysen in Grönland und der Antarktis lieferten den endgültigen Beweis. "Die geochemische Zusammensetzung der Aschepartikel in der Arktis und Antarktis stimmen mit jenen im Samalas-Krater überein", sagt Markus Stoffel vom Institut für Geologie der Uni Bern. Als Samalas-Vulkan im Rinjani-Komplex bezeichnet die Wissenschaft den Rinjani korrekt. Aber diesen Namen verwendet niemand in Indonesien.

foto: apa / epa / str
Im Oktober 2015 war der Rinjani-Komplex wieder aktiv. Auch zu diesem Zeitpunkt kamen Wanderer, um das Ereignis aus der Nähe zu sehen.

Alles passt nun zusammen: physische Vulkanologie, Altersbestimmungen und die historischen, auf Palmblättern verfassten Chroniken, die "Babad Lombok" auf Altjavanesisch. Nach diesen Überlieferungen sollen die Ausbrüche das einstmalige Königreich Lombok und die Hauptstadt Pamatan vollständig verwüstet haben. "Wir vermuten daher, dass sich irgendwo unter den bis zu 35 Meter mächtigen Vulkanablagerungen die Überreste von Pamatan befinden – sozusagen ein Pompeji des Fernen Ostens", sagt Stoffel. Naheliegend, handelt es sich doch um die mit Abstand größte explosive Eruption der letzten 7000 Jahre. Sie übertrifft die verheerenden Ausbrüche des Tambora 1815 und des Krakatau 1883 um ein Vielfaches. 43 Kilometer soll die Aschewolke des Samalas in die Stratosphäre gestiegen sein, gigantische 40 Kubikkilometer das Auswurfvolumen betragen haben.

So blicken wir also staunend in ein kilometergroßes Kraterloch und fühlen uns klein. Wie weit wohl der Gipfel einst in den Himmel geragt haben muss? Mit seinen 3726 Metern Höhe ist der heute viel kleinere Rinjani immerhin noch der zweithöchste Berg Indonesiens nach dem Kerinci auf Sumatra.

foto: istock / whitecomberd
Das Innere der Caldera wirkt karg. Aber es gibt viel Leben im und am Kratersee: Im Segara Anak tummeln sich Karpfen, rundherum Papageien und Pirole.

Als die Sonne in die Wolkendecke unter uns taucht, wird es ungemütlich am Kraterrand. Wir können uns kaum mehr vorstellen, noch gestern im tropischen Meer geschnorchelt zu haben. Nach einer kalten Nacht um die fünf Grad brechen wir bei einem Bilderbuch-Sonnenaufgang unsere Zelte ab und wagen uns hinab in die tiefe Caldera. Hin und wieder wird es so abschüssig, dass wir die Hände zu Hilfe nehmen müssen. Trotz aller Anstrengungen haben wir noch ein Ohr für den Gesang der zierlichen Fledermauspapageien. Ihre roten Schnabeln bilden einen hübschen Kontrast zum grünen Federkleid. Noch farbenprächtiger ist der Schwarznackenpirol gezeichnet – mit seinem satten Goldgelb auf tiefem Schwarz. Es ist viel Leben am See, wir sind nun ein Teil davon.

Sisyphos und Staubwolken

Die zweite Nacht wird kurz, um 2.30 Uhr weckt uns Awan. Eine halbe Stunde später trotten wir schlaftrunken und frierend los in Richtung Gipfel, von wo aus die schöne Göttin Dewi Anjani die Geschicke des heiligen Berges lenken soll, steil bergauf über Schotter und Stein. Wir gehen zwei Schritte nach oben und rutschen drei nach unten. Sisyphos hätte seine helle Freude an diesem Berg! Nie im Leben haben wir mehr Staub geschluckt. Die Kletterer vor uns wirbeln Unmengen davon in die sauerstoffarme Luft. Drei Schritte vor, zwei zurück. Uns ergreift eine bedrückende Monotonie, keine Sterne über Lombok. Links und rechts des Weges fällt die Geröllpiste ins Bodenlose. Nach drei Stunden Kampf mit dem Gelände haben wir Beine aus Blei. Kann der Sonnenaufgang auf einem heiligen Berg denn diese Strapazen wert sein? Wir sind vernünftig und kehren um.

Ein paar Stunden später hat uns die Zivilisation wieder. Mit Stolz blicken wir hinauf zum Vulkan. Da oben waren wir also. Na ja, fast. (Marc Vorsatz, RONDO, 15.9.2016)

Anreise & Unterkunft:

Anreise: Flug Wien-Mataram immer mit zweimaligem Umsteigen; z. B. mit Qatar Airways über Doha und Jakarta.

Unterkunft: Am Vulkan Rinjani gibt es rund 45 einfache Hotels, Privatzimmer und auch einen Campingplatz.

Veranstalter: Trekking-Reise z. B. mit Hauser-Exkursionen: 17 Tage inkl. Flug, Verpflegung, Programm, Permits, Reiseleitung ab 2.990 €, nächste Termine 07.04. und 12.05.2017

oder individuelle Bausteine mit Geoplan Privatreisen: Beispiel: 9 Tage Lombok, gehobene Unterkunft, HP und Ausflüge inkl. 3-tätiger Komfort-Trekkingtour und Flug ab 3.470 €. Ideal mit anderen Inseln wie Bali kombinierbar.

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Hauser Exkursionen und Geoplan Privatreisen.

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