Ötzi, der Geschichtenerzähler aus dem ewigen Eis

16. September 2016, 07:00
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Der Fund der ältesten Gletschermumie der Welt hat unser Wissen über die Besiedelung der Alpen nachhaltig verändert – und doch sind viele Fragen offen

Vent – Bäuchlings liegt die Leiche im Schnee. "Ein Stückerl weiter nach rechts. Ein bisserl mehr eingraben, nur Kopf und Schultern haben rausgeschaut", gibt Erika Simon letzte Regieanweisungen zum Drapieren der Ötzi-Puppe. Vor 25 Jahren, am 19. September 1991, hat die Nürnbergerin zusammen mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann Helmut das älteste Mordopfer der Alpen entdeckt – Ötzi. Die begeisterten Bergsteiger stolperten im jährlichen Wanderurlaub förmlich über den ausgeaperten Körper. Nun ist sie anlässlich des Jubiläums zurück am Fundort, dem 3210 Meter hoch gelegenen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen.

Die Entdeckung der Simons beschäftigt die Wissenschaft bis heute. Denn die 5250 Jahre alte gefriergetrocknete Gletschermumie ist so gut erhalten, dass sie wertvolle Rückschlüsse auf Leben und Leiden unserer Vorfahren zulässt. Jüngster Fund im Körper von Ötzi: Helicobacter pylori. Das Magenbakterium gilt als Krankheitserreger, der heute in den Mägen der halben Weltbevölkerung zu finden ist. Bei zehn Prozent der Träger löst es ernsthafte Beschwerden aus – von der Gastritis bis hin zum Magenkrebs. Ob auch Ötzi darunter litt, lässt sich zwar nicht mehr nachweisen, gilt aber als sehr wahrscheinlich.

Magen schreibt Geschichte um

Noch interessanter ist die Herkunft des Bakteriums. Das Team um den Paläopathologen Albert Zink von der Europäischen Akademie (Eurac) in Bozen fand heraus, dass es sich in Ötzis Fall um einen potenziell hochvirulenten Stamm von Helicobacter pylori gehandelt hat, und zwar nicht um einen europäischen, sondern um eine Variante, die heute vor allem in Zentral- und Südasien vorkommt. Ötzi stammt jedoch aus Südtirol. Bisher hatte die Wissenschaft angenommen, dass der aktuell in Europa verbreitete Helicobacter-pylori-Stamm vor mehr als 10.000 Jahren aus der Vermischung eines afrikanischen und eines asiatischen Stammes entstanden ist. Diese Theorie hat der Mann aus dem Eis widerlegt. Das bedeutet zugleich, dass die Besiedelungsgeschichte Europas wesentlich komplexer sein muss, als bisher angenommen, wie Zink in seinem in Kürze erscheinenden Buch Ötzi. 100 Seiten beschreibt.

Profiler untersuchen Mord

Der Mageninhalt der Gletschermumie ist ein wahrer Fundus für die Forscher. Weil bei künstlichen Mumien, wie sie die alten Ägypter präparierten, die Organe fehlen, lassen sie in Ötzis – natürlich mumifiziertem – Fall wertvolle Rückschlüsse zu. So wissen wir dank seines Mageninhalts, dass er kurz vor seinem gewaltsamen Tod noch eine reichhaltige Mahlzeit mit Steinbock- und Hirschspeck genossen hat. Unmittelbar danach wurde Ötzi hinterrücks durch einen Pfeil niedergestreckt. Er hat sein Schulterblatt durchbohrt und ein großes Blutgefäß, die Arteria subclavia, verletzt. Das führte zum raschen Tod durch Verbluten. Zudem lassen ein Hämatom auf der rechten Gesichtshälfte und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma auf einen Sturz auf den Stein direkt an der Fundstelle schließen. DassÖtzi offenbar in aller Ruhe gejausnet hatte, bevor er ermordet wurde, widerlegt die Fluchtthese, die eine Zeit lang diskutiert wurde.

Archäologe Walter Leitner von der Universität Innsbruck glaubt vielmehr, dass Ötzi Opfer einer Intrige wurde: "Er war mit gut 46 Jahren ein sehr alter und angesichts seiner Besitztümer mächtiger Mann. Womöglich wollte man ihn loswerden und es wie einen Unfall aussehen lassen." Für die Intrigen- und gegen die Raubmordthese spricht, dass wertvolle Gegenstände, allen voran Ötzis Kupferbeil, am Tatort gefunden wurden. Nur die Tatwaffe selbst wollten der oder die Täter verschwinden lassen.

"Sie haben versucht, den Pfeil rauszuziehen, wobei die Spitze stecken geblieben ist." Noch heute befindet sich die Pfeilspitze in Ötzis Rücken, wo sie erst Jahre nach dem Fund auf Röntgenbildern identifiziert werden konnte. Die Umstände seines Todes beschäftigen die Forscher so sehr, dass der wissenschaftliche Beirat in Bozen Profiler aus München mit Recherchen beauftragt hat. In den kommenden Wochen werden sie den Tatort auf dem Tisenjoch nach allen Regeln der Kriminalistik untersuchen.

Ötzis DNA auf Korsika

Bereits gelöst ist das Rätsel um Ötzis DNA. Sein Erbgut kann bis ins Heute verfolgt werden. Ötzi ist die bislang einzige Mumie, deren DNA komplett entschlüsselt wurde – mit erstaunlichen Ergebnissen: Er hatte braune Augen, wies eine Laktose-Intoleranz und Blutgruppe 0 auf. Während seine mütterliche DNA-Linie in Europa ausgestorben ist, gibt es heute noch Träger der väterlichen Linie. Mit 0,1 bis 0,01 Prozent ist diese zwar sehr selten, aber in entlegenen Gebieten wie auf Korsika oder Nordsardinien ist diese DNA-Linie bei rund 20 Prozent der Bevölkerung nachweisbar. Bezeichnungen wie Nachkommen oder gar Verwandte Ötzis lehnen die Forscher als unwissenschaftliche Vereinfachungen jedoch ab.

Isotopenforschungen am Zahnschmelz haben belegt, dass Ötzi seine Kindheit im Südtiroler Eisacktal verbracht hat und später in den Vinschgau weitergezogen ist. Wahrscheinlich ist er vom Südtiroler Schnalstal aus hinauf zum Tisenjoch gewandert und war auf dem Weg Richtung Ventertal im heutigen Nordtirol. Damals war der über 3000 Meter hohe Alpenübergang weniger unwirtlich. Man schätzt, dass die Baumgrenze zu Ötzis Zeiten auf rund 2500 Metern lag und die Berge in den Ötztaler Alpen eisfrei waren. Dafür spricht auch der Fundort Ötzis. Er lag in einer Felsmulde, der spätere Gletscher floss über ihn hinweg.

Grenzstreit um Sensationsfund

Die klimatischen Veränderungen im Hochgebirge befeuerten einen jahrelangen Besitzstreit zwischen Österreich und Italien. Ötzi wurde nämlich im unmittelbaren Grenzgebiet gefunden, zwischen den Grenzsteinen Nummer 35 am Hauslabjoch und Nummer 36 am Tisenjoch.

Als diese Grenze aber 1919 im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye definiert wurde, lag das Tisenjoch noch unter meterdickem Gletschereis. Es gelte die Wasserscheide, hieß es in diesem Vertrag, nur wusste niemand genau, wo sich diese befindet. Heute ist der Gletscher verschwunden, die Fundstelle liegt deutlich auf Nordtiroler Seite, ginge es nach der Wasserscheide. Doch in einem weiteren bilateralen Vertrag aus den 1950er-Jahren haben sich Österreich und Italien darauf geeinigt, die Grenzsteine mit geraden Linien zu verbinden. So gesehen liegt Ötzis Fundort 90,62 Meter weit auf Südtiroler, also italienischer Seite.

Die Mumie und Brad Pitt

Der Mann aus dem Eis hat seine letzte Ruhestätte im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen gefunden. Hier liegt er bei minus sechs Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent hinter zentimeterdickem Glas. Frozen Fritz, wie er im Englischen genannt wird, ist heute ein Star und ziert etwa als Tattoo den Unterarm von Hollywood Schauspieler Brad Pitt. Ötzi selbst gilt als erster Tätowierter überhaupt. Insgesamt 49 strichartige Tattoos haben Forscher auf seinem Körper entdeckt. Man vermutet, dass diese, ähnlich der Akupunktur, therapeutische Zwecke hatten.

Auf dem Tisenjoch erinnert eine Steinpyramide an den Sensationsfund der Simons. Die genaue Stelle inmitten der Wüstenei aus Felsblöcken verraten ein paar rote Punkte am Granit. Ungefähr dort liegt auch das letzte Feld Toteis, das vom Gletscher übrig geblieben ist. Darunter, so hoffen Forscher, verbergen sich womöglich Ötzis letzte Geheimnisse. (Steffen Arora, 16.9.2016)

Die Reise zum Fundort Ötzis fand auf Einladung des Tourismusverbandes Ötztal statt.

  • Vor 25 Jahren aperte die Gletschermumie Ötzi am Tisenjoch aus dem ewigen Eis.
    foto: dpa/ravanelli

    Vor 25 Jahren aperte die Gletschermumie Ötzi am Tisenjoch aus dem ewigen Eis.

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