Steirischer Herbst: Festival macht Graz zur "Arrival Zone"

13. September 2016, 15:42
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Fluchtgründe und Willkommenskultur als Leitmotive

Graz – Sich mit dem Körperfett anderer Menschen die Hände zu waschen ist nicht jedermanns Sache. Doch genau das kann man tun, wenn man sich ein Stück Self Human Soap aus Julian Hetzels Schuldfabrik kauft. Hetzel eröffnet seine Fabrik am 24. September im Steirischen Herbst in der Grazer Volksgartenstraße – mitten im multikulturellen Annenviertel.

Dieses Viertel erklärt das spartenübergreifende Kunstfestival heuer samt Volksgartenpark zur "Arrival Zone". Denn Willkommenskultur und Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" sind Teil des Leitmotivs dieses Herbstes.

Willkommenskultur

"Nicht populistisch und nicht eindimensional" werde man sich damit auseinandersetzen, wer überhaupt mit "wir" gemeint ist und was zu schaffen sei, so Intendantin Veronica Kaup-Hasler am Dienstag bei einer Pressekonferenz im Volksgartenpavillon.

Ein Festivalcenter wird es heuer nicht geben. Die "Arrival Zone" birgt aber einige Orte, an denen man tagsüber und nachts zusammenkommen kann: etwa den Kunstverein Rotor, den Volksgartenpavillon, der ein transkulturelles "Haus der offenen Tore" wird, und das Orpheum, in dem nachts im Club Panamur und bei der queeren Murwirtin das erweiterte Leitmotiv bei Konzerten Gestalt annimmt.

Aber zurück zu Fettseife und Schuldfabrik von Julian Hetzel, der sich dem Begriff von Schuld auf ökonomische und moralische Weise zu nähern sucht. Er habe "nach einem Material gesucht, in dem sich Schuld manifestiert", und Fett gefunden, so der deutsche Künstler. Auf der Suche nach legalen Wegen, an menschliches Fett zu kommen, und in der Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten und Ärzten entstand ein Projekt, an dessen Ende sich Menschen in Afrika quasi mit der Schuld der Europäer waschen. Doch das ist nicht alles: Der Erlös geht in ein Brunnenbauprojekt.

Start am 23. September

Eröffnet wird das Festival am 23. 9. mit dem Stück Die Nacht der Maulwürfe von Philippe Quesne in der Helmut-List-Halle. Quesne zeigt mannshohe Maulwürfe, die sich wie Menschen, die vor den Katastrophen der Welt fliehen, in ihre Höhlenwelt flüchten.

Am ersten Wochenende werden auch zahlreiche Ausstellungen eröffnet. In der Hauptausstellung Body Luggage im Kunsthaus thematisiert die indische Kuratorin Zasha Colah anhand von historischen und zeitgenössischen Arbeiten, was alles an Erinnerungen, Traditionen und Codes in unseren Körpern eingeschrieben ist – Körpergepäck, das bei jeder Migration mitgenommen wird.

Für Kaup-Hasler war es nach der Ankunft tausender Flüchtlinge an der steirischen Grenze 2015 klar, mit diesem Festival auch in die Südsteiermark zu gehen. So werden etwa das Stück Late Night der Athener Blitz Theatre Group (Leibnitz) oder das Speeddating-Format Grenzlandgespräche (Leutschach) ausschließlich in der Grenzlandregion stattfinden. (Colette M. Schmidt, 13.9.2016)

Steirischer Herbst, 23. 9. – 16. 10.

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