Die Dirndlsaison hat begonnen

Kolumne15. September 2016, 08:00
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Das angekratzte Image des Kurvenstars unter den Kleidern ist vergessen – jetzt wird das Dirndl wieder ausgepackt

Immer wenn der Herbst kommt, darf es wieder raus, dieses Ding aus Rüschen, Schürze, Mascherl. Denn dann hat die Wiesn-Saison begonnen. Und mit ihr die Hochsaison des Dirndls.

Wenige Kleidungsstücke haben in den letzten Jahren eine solch rasante Imagekorrektur hingelegt. Wer sich heute ein Dirndl überzieht, wird nicht mehr zwangsläufig verdächtigt, eine Vereinsmitgliedschaft bei den Landfrauen vorweisen zu können. Längst quetscht man sich generationenübergreifend ins Dirndl. Selbst Skinny-Jeans-Trägerinnen wollen wieder Sanduhr-Silhouette und hängen vorne raus, was sonst unter dem T-Shirt verschwindet.

Sein Image könnte gerade nicht besser sein. Das Dirndl, so heißt es, lege sich in die Kurve, wo es sich gehört. Es zwickt und es zwackt nicht. Und es setzt die weiblichen Rundungen in Szene: Der Hintern verschwindet – egal welcher Größe – unter dem Rock, das Dekolleté liegt bloß. Kurz und gut: Das Dirndl hat heute allen Ernstes den Ruf eines bequemen, eines bodenständigen Kleidungsstücks. Und macht aus Frau noch mehr Frau: Wer so etwas trägt, sieht so aus wie damals, als alles irgendwie besser war.

Kein Wunder, dass Rüsche, Schürze, Mascherl in allen Preislagen den Siegeszug angetreten haben. Lena Hoscheks Neo-Dirndln gibt es mittlerweile sogar in Wien in Nähe des Grabens auf 200 Quadratmetern zu kaufen.

foto: apa/dpa/ursula dueren
Trachten bei Lena Hoschek

Aber auch jene Hersteller entdecken das Dirndl als Einnahmequelle, die sonst mit Tracht und Tradition wenig am Hut haben. Boss bietet roséfarbene Schürzenkleider mit Bluse, die "perfekte Passform und als schönes Finish die Rüschen-Blende vorne", an, der amerikanische Designer Tommy Hilfiger hat sich mit Lodenfrey zusammengetan, um Trachtenkleider zu vertreiben. Rund 400 Euro kostet der Spaß.

Das Dirndl wird heute weltläufig mit Vans und Gucci-Tasche kombiniert. Wahrscheinlich steht es deshalb nicht mehr im Verdacht, ein gestriges Stück Provinzialität zu verkörpern. Magazine wie "Landlust" und "Servus in Stadt und Land" haben Spuren hinterlassen. Das wird Frauen wie Gexi Tostmann freuen. Sie bedauerte einst, dass "die Grünen die Werte der klassischen Trachtenmode nicht erkannt haben".

foto: apa/ hans punz

Jetzt aber ist alles wieder gut. Ausgerechnet Van der Bellen greift im Wahlkampf zur Trachtenjacke. Man habe ihm gesagt, das gehöre auf dem Altausseer Kirtag dazu, erklärte er den Mikrofonen der Journalisten. Gleich drängten sich Dirndln und Lederhosen zum Selfiemachen an Van der Bellens Seite. Manchmal kann Kleidung eben Herzen öffnen. (feld, 15.9.2016)

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