"Häuptling Abendwind": Der Mensch ist ein Menschenfresser

13. September 2016, 16:14
1 Posting

Justus Neumann bugsiert Nestroy im MuTh in die Richtung heutigen Menschenfressertums. Untertitel: "Kaufe Niere – bezahle bar". Der Austroaustralier gastiert zum letzten Mal in Wien

Wien – Schauspieler mag Justus Neumanns Beruf bezeichnen, zudem aber ist er ein glänzender Geschichtenerzähler und Sänger. Man möchte dieser Spiellust gerne glauben, dass er 1985 in der Kulisse eine denkwürdige Nestroy-Collage abgeliefert hat – zwei Jahre, bevor er von Wien in das australische Tasmanien ausgewandert ist. Viele Heimatbesuche später ist Neumann jetzt zum letzten Mal zu Gast auf einer Wiener Bühne: Im MuTh im Augarten lässt er an seiner Exegese des Häuptling Abendwind teilhaben.

Das liegt gewissermaßen auf der Hand: 1862 aufgeführt, ist diese letzte Menschheitssatire Nestroys (nach Jacques Offenbachs Operette) bei der damaligen Kritik zwar durchgefallen. Als Schauplatz dient ihr aber eine kleine Insel vor Australien, auf der die Kannibalenhäuptlinge Abendwind und Biberhahn vor den Zivilisatoren zittern. Einander haben sie schon die Frauen weggegessen, jetzt erwischt dieses irrtümliche Schicksal auch noch den Sohn des Papatutu-Chefs, der aus Paris, wo er Friseur ward, zu Heiratszwecken heimgefahren ist in die Südsee. Hoho, aha, buhu und seinerzeit breit als Nonsens unverstanden.

Stimmkräftig und leicht

Seit Jahren arbeitet Neumann mit dem Regisseur Hanspeter Horner zusammen. Vor dessen Kamera hat er den Einakter erst "50, 60 Stunden" improvisiert, um ihn schließlich auf eineinhalb Stunden zu bringen: zurechtgeputzt auf die Höhepunkte der verqueren Handlung führt Neumann nicht ohne Augenzwinkern an selbige, kommentiert und ergänzt um stimmkräftig vorgetragenes Liedgut bis hin zu Jimi-Hendrix-Sounds.

Auf einer fast leeren Bühne (Wolfgang Kalal), mit wenig mehr als seinem Sohn Julius Schwing an der E-Gitarre und einer überlebensgroßen Puppe am Flaschenzug als Gegenspieler, wird das zur ebenso feinsinnigen wie hochhumorigen Angelegenheit auch dank Neumanns schelmischer Freude am Wortspiel. Und am Publikum.

Per Rahmenerzählung führt Neumann mit Buschbränden und dem Asyllager Traiskirchen schließlich heutiges Menschenfressertum in Nestroys Welt ein: Klimawandel, Flüchtlingskrise, Kapitalismus. Letzteren verfolgt er anhand industrialisierter Nahrungsmittelproduktion bis zum konkurrenzunfähig gewordenen afrikanischen Bauern.

Der Mensch ist ein Menschenfresser, bis er merkt, das schmeckt nicht besser. Nestroy gibt Hoffnung. Unerwartet und fantasievoll erwischt einen die Moral von der G'schicht, ähnlich wie Neumanns Kunst. (Michael Wurmitzer, 13.9.2016)

Bis 22. 9. im MuTh

  • Justus Neumann als Abendwind im Zweikampf mit Biberhahn.
    foto: wolfgang kalal

    Justus Neumann als Abendwind im Zweikampf mit Biberhahn.

Share if you care.