Wladimir Sorokin: Das Glück ist ein Nagel

13. September 2016, 14:28
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Der Autor präsentiert "Telluria" in Feldkirch

Mitte des 21. Jahrhunderts spielt es in Eurasien Granada. Religionskriege und Revolutionen haben den Kontinent mit seinem einstigen Großreich in Kleinstaaten zerfallen lassen, in Moskau herrscht ein theokratisch-feudalistisches Regime. Aber nicht nur Russland, auch Europa ist in kleinste Einheiten zerbröselt, regiert von christlichen oder islamischen Führern. In Köln herrschten drei Jahre lang die Taliban und Salafisten. Nachdem der türkische Bundeskanzler Deutschlands deren Herrschaft beendet hat, wird wieder Karneval gefeiert.

Einmal mehr hat Wladimir Sorokin einen Roman über die Auflösung der Welt geschrieben. Telluria (Kiepenheuer und Witsch 2015, im Original: 2013) ist dabei weniger eine durchgehende Geschichte: Das Buch besteht aus fünfzig stilistisch sehr unterschiedlichen Prosaskizzen, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum verwirrenden Durcheinander verschmelzen.

Wahnwitzige Dystopie

Am Donnerstag stellt der russische Schriftsteller seine vor Ideen, Stilen und Verweisen überbordende Fantasieprovokation über den Zustand der Welt in Feldkirch vor. Fliegende Kreuzritter oder der Gentechnik geschuldete Fabelwesen sind weitere Ingredienzien dieser wahnwitzigen Dystopie.

Das Glück garantiert den Menschen darin nur die Droge Tellur, die per Nagel in den Kopf gehämmert wird. Politisch und sozial mag es kein Paradies geben – erst recht nicht in der postsowjetischen Epoche -, aber die Bergrepublik Telluria ist ein Sehnsuchtsort, der vorübergehende Heilung verspricht. Sorokins wüst-satirisches Ideensammelsurium stellt die Geopolitik auf den Kopf und ist rückwärtsgewandte Science-Fiction, die nach dem neuen Mittelalter sucht. (dog, 13.9.2016)

15. 9., Feldkirch, Saumarkt, 20.15

  • Ein Virtuose des Stilbruchs: der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin.
    foto: epa

    Ein Virtuose des Stilbruchs: der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin.

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