Terrorprozess in Wien: Teenager mit Jihad im Herzen

13. September 2016, 14:06
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Ein 18-Jähriger soll in der Haft und danach zum Islamisten geworden sein und Videos gepostet haben. Das sei nicht so ernst gemeint gewesen, sagt er

Wien – Mit fünf Jahren ist I. mit der Familie aus Tschetschenien nach Österreich geflüchtet. Heute ist er 18 Jahre alt, hat schon eine Verurteilung zu zwei Jahren unbedingter Haft wegen mehrerer Raubüberfälle. Nach 14 Monaten wurde er im Sommer 2015 bedingt entlassen – nun sitzt der schüchtern wirkende junge Mann wieder vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Alexandra Skrdla. Der Vorwurf: die Unterstützung des IS mittels Verbreitung von Videos.

Radikalisiert soll sich der 18-Jährige im Gefängnis haben. Er gibt zu, dort einen Syrien-Rückkehrer getroffen zu haben, der ihm von der Terrororganisation erzählte. Leugnen kann er auch nicht, dass in seiner Zelle die Zeichnung eines bärtigen Mannes gefunden wurde, auf der auch "Terror" zu lesen ist.

Wirklich schlimm sei es aber nach der Entlassung geworden. "Meine ganzen Freunde sind in der Zwischenzeit religiös geworden, manche nach Syrien gegangen." Und dort gestorben, ziemlich sicher auch ein Onkel und ein Cousin von ihm.

Eigenes Video produziert

Was ihn nicht davon abhielt, auf zwei Facebook-Profilen über vier Monate hinweg IS-Videos zu posten und eines selbst zu produzieren. In diesem sind Standbilder von mutmaßlich getöteten Freunden, aber auch andere Kämpfer zu sehen. Und es beginnt mit der Aufschrift "Jihad in my heart".

Das sei alles nicht so ernst gemeint gewesen, meint I. heute, er habe nur Anschluss an die Gruppe gesucht und junge Frauen beeindrucken wollen. Mit vier Teenagerinnen war er nämlich nach islamischem Recht verlobt – in den meisten Fällen, ohne sie je gesehen zu haben, die Bekanntschaft war nur virtuell.

Obwohl er sich grundsätzlich schuldig bekennt, sind Chatprotokolle, die ihm die Vorsitzende vorhält, ein Problem. Darin sagt er klar, er wolle nach Syrien. Dem Onkel schrieb er: "Bei Allah, ich komme hinunter, und wir werden gemeinsam Fotos machen können!" Großteils behauptet er, sich an die Mitteilungen nicht mehr erinnern zu können. "Sie wissen sehr viel nicht", kommentiert Skrdla.

Russischen Pass besorgt

Er weiß auch nicht, ob er etwa eineinhalb Monate nach seiner Entlassung mit dem Vater und einem Bruder in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny oder nur irgendwo in Südrussland gewesen ist. Dort besorgten sich die in Österreich anerkannten Asylwerber nämlich neue, russische Pässe.

Erinnerungslücken gibt es auch, als ihn Beisitzer Norbert Gerstberger nach den Auflagen für seine bedingte Entlassung fragt. Darunter fiel auch die Absolvierung einer Psychotherapie. "Ich war zwei-, dreimal bei einem Arzt, aber der hat gesagt, ich muss nur mehr alle zwei Monate kommen." – "Haben Sie dafür eine Bestätigung? Wissen Sie, wie er heißt? Wo die Praxis ist?" – "Nein." – "Eine Therapie alle acht Wochen ist doch absurd. Das war eine Therapie 'very light', offensichtlich."

Probleme für Exverlobte

Probleme bekommt auch eine der Exverlobten, die als Zeugin aussagt. Diese beteuert nun, die Konversationen seien allesamt nur Spaß gewesen, beide Seiten hätten das gewusst. Es liest sich anders, bei der Polizei hat sie auch noch anders ausgesagt. "Sie kommen da her und frotzeln uns!", wirft Staatsanwältin Kristina Jahn der Kopftuchträgerin vor, Gerstberger wird noch deutlicher. "Sie glauben, wir sind so westlich und verweichlicht, dass Sie uns pflanzen können." Er sei aber stolz, verwestlicht zu sein, da man damit auch tolerant sei.

Ein Streetworker und ein Mitarbeiter einer Organisation, die sich um inhaftierte Islamisten kümmert, bestätigen, dass es unter Jugendlichen damals populär gewesen sei, sich zum IS zu bekennen. Und: I. habe seit seiner Festnahme im Dezember deutliche Fortschritte gemacht und dürfte der Ideologie abgeschworen haben. Er wolle auch seine Islamkenntnisse vertiefen. Fix sei aber, dass er eine längerfristige Traumatherapie benötige.

"Wo ist Ihre Paktfähigkeit?"

Das Urteil: rechtskräftig zwei Jahre unbedingt, zusätzlich wird die offene Vorstrafe von zehn Monaten widerrufen. "Ich wage zu bezweifeln, dass die Sache bei Ihnen eine Modeerscheinung gewesen ist. Sie haben Freunde und möglicherweise Familienmitglieder verloren und machen dennoch Werbung", begründet Skrdla seine Zweifel. Zum Widerruf sagt die Vorsitzende: "Wo genau ist Ihre Paktfähigkeit? Sie haben umgehend mit strafbaren Handlungen weitergemacht und Weisungen nicht eingehalten." (Michael Möseneder, 13.9.2016)

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