Aufrüstung der "ÖBB-Westflotte" im Endspurt

13. September 2016, 05:30
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Ein Rahmenvertrag im Wert von rund zwei Milliarden Euro für 300 Nah- und Regionalverkehrszüge sorgt bei ÖBB und Bahnausrüstern für Hochspannung

Wien – Die Aufrüstung der ÖBB-Nah- und Regionalverkehrsflotte ist so gut wie gelaufen. Laut STANDARD-Recherchen befindet sich die Ausschreibung für die Anschaffung von 150 Elektrotriebfahrzeugen mit hundert Metern Länge und 150 kürzeren Triebzügen (75 Meter) im Endspurt. Der Zuschlag für den Rahmenvertrag, der eine 2010 geschlossene Rahmenvereinbarung ablösen soll, dürfte noch vor Beginn der Bahnmesse Innotrans in Berlin am kommenden Dienstag erteilt werden. Davon gehen zumindest die drei wichtigsten Anbieter, Siemens (München), Bombardier (Kanada) und Stadler Rail (Schweiz), aus.

Der auf zwei Milliarden Euro taxierte Rahmenvertrag ist auch für große Anbieter eine Herausforderung: Die ersten 21 Züge müssen bereits im April 2019 auf Schiene sein. So wurde es im Sommer im Verkehrsdienstvertrag zwischen Verkehrsministerium und Land Vorarlberg fixiert. Womit klar ist: Langzüge werden als Erstes produziert, denn Vorarlberg braucht für seine S-Bahn viel Platz im Wageninneren, möglichst viele Türen für schnelle Fahrgastwechsel, also keine Kurzzüge nach Vorbild der für Wien, Niederösterreich, Burgenland und Oberösterreich in Auslieferung befindlichen Fahrzeugtype Desiro ML ("Cityjet") von Siemens.

Noch sind die Anbieter beim Rauf-und-runter-Rechnen ihrer alles entscheidenden "Best and final offers", die nach Abgabe nicht mehr verhandelbar sind. Wer dann daneben liegt, ist draußen.

Zehn Prozent Preisdifferenz

Erschwert wird die Angebotserstellung durch Ungewissheit über die Zahl der Züge, die insgesamt abgerufen werden soll. Zöge die Staatsbahn tatsächlich aus dem "alten", aber noch immer gültigen Rahmenvertrag 2010 mit Siemens eine weitere Tranche (99 Fahrzeuge wären noch zu holen), was Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun im "Kurier" entrierte, wäre dies ein schlechtes Geschäft für die ÖBB, warnen mit der Materie vertraute Insider. Die Züge wären nicht nur teurer als die kommenden, sondern die Kalkulation für die neue Vergabe wäre massiv erschwert. "Wenn weniger neue Züge geordert werden, verschlechtert sich die Kalkulationsbasis", mahnt der Beobachter, der die Preisdifferenz auf gut zehn Prozent schätzt. Hinzu kommt, dass der Rechnungshof diesen Zugkauf massiv kritisiert hat: Teurer als geplant und ohne Langfristkonzept, wie die Prüfer in dem 2015 vorgelegten Bericht bemängelten.

Dass Westbahn-Lieferant Stadler Rail, für den Exkanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) lobbyiert, den ÖBB-Auftrag auf Wunsch der Vorarlberger bereits in der Tasche habe, bestreiten ÖBB-Auskenner, die ihre Namen aufgrund umfangreicher Schweigepflichten nicht in der Zeitung lesen wollen. Mit Stadler würde sich die ÖBB einen dritten Anbieter ins Haus holen (neben Siemens und Bombardier), was das Fuhrparkmanagement verkompliziere und verteuere. Die Lebenshaltungskosten, also Service und Instandhaltung über 20 bis 30 Jahre, seien aber entscheidend, fast wichtiger als der Anschaffungspreis. Dieser Punkt sei ÖBB-Holding-Chef Andreas Matthä besonders wichtig, heißt es.

Ihr Anforderungsprofil hat die Bahn übrigens geschärft: War früher der Preis pro Sitzplatz ausschlaggebend, ist es jetzt die verfügbare Fläche – sie sei entscheidend für schnellere Fahrgastwechsel und kurze Stationsaufenthalte. Um auch bei Ausschreibungen im eisenbahntechnisch uneinheitlichen EU-Ausland mitmischen zu können, kauft man Mehrsystemtriebfahrzeuge.

Wiener Hafen für die ÖBB

Der ÖBB-Holding-Aufsichtsrat hat am Montag nicht nur über die Anschaffung von Rollmaterial beraten, sondern auch ein ungewöhnliches Joint Venture diskutiert: Der Güterterminal Inzersdorf, der im Frühjahr eröffnet wird und derzeit noch als unterausgelastet gilt, soll im Hafen Freudenau landen. Bahn und Hafen wollen bei der Bundeswettbewerbsbehörde einen Zusammenschluss von Inzersdorf und Wiencont- Container-Terminal anmelden, bestätigte ein Sprecher des Wiener Hafens. Ziel sei es, das schwierige Containergeschäft am Standort Wien zu bündeln und zur attraktiven Alternative für die Umfahrung im Osten zu werden. Das Potenzial wird auf rund 700.000 Container pro Jahr geschätzt.

Neue Köpfe

Beschlossen wurden Personalia: Die ÖBB-Gütersparte RCA bekommt mit Clemens Först (40) ab 1. Jänner einen neuen Chef. Auch die Nachfolgerin für ÖBB-Personalchef Peter Pirkner steht fest: Veronika Zügel (55), bisher bei Hilti, kommt aus der Schweiz zur ÖBB. ÖBB-Kraftwerkschef Johann Pluy (47) wechselt ins ÖBB-Business Competence Center. (Luise Ungerboeck, 13.9.2016)

  • Viel Gegenwind im neuen Rahmenvertrag der ÖBB für Nahverkehrszüge. Die Lackierung des neuen Zugs wird dem ÖBB-Cityjet von Siemens – hier im Klima-Wind-Kanal – ähnlich sein.
    foto: apa/hochmuth

    Viel Gegenwind im neuen Rahmenvertrag der ÖBB für Nahverkehrszüge. Die Lackierung des neuen Zugs wird dem ÖBB-Cityjet von Siemens – hier im Klima-Wind-Kanal – ähnlich sein.

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