The Handsome Family: Hoffnungsschimmer und die Wirklichkeit

Video13. September 2016, 10:48
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Mit dem Titellied zur ersten Staffel der Fernsehserie "True Detective" wurden sie berühmt. Jetzt veröffentlicht das Duo sein neues Album "Unseen". Es macht einfach weiter. Dem Phlegma verpflichtet, nicht dem Erfolg

Wien – Es zählt zu den Charakteristika der Countrymusik, dass man fast immer zu ihr schunkeln und zum Rhythmus passend den Kautabak ins Eck schlatzen kann. Da mag sich ein Sänger die traurigsten Geschichten aus dem Herzen reißen, sie alle unterliegen diesem Gesetz. Umgekehrt vermag Country noch den witzigsten Anekdoten eine gewisse Schwere zu verleihen, wenn man hysterische Ausreißer wie Bluegrass und Texas Swing beiseitelässt.

foto: rough trade / jesse littlebird
Konsequent schreibt die Countryband Handsome Family ihr Werk fort. "Unseen" heißt das zehnte Album von Brett (links) und Rennie Sparks. Es erscheint am Freitag, der nur zufällig kein 13. ist.

Brett Sparks ist ein Meister darin, profane Dinge mit Bedeutung aufzuladen oder Schröckliches mit dem Charme eines Grabredners zu übermitteln. Sparks ist ein singendes Phlegma, und das ist gut so. Zu viel an Regung führt bloß zur Aufregung, da verzichtet Sparks lieber ganz.

Brett und Rennie Sparks tauchten Mitte der 1990er-Jahre als The Handsome Family auf und trugen seltsame Gstanzln übers Möbelverschieben vor. Der Bariton von Brett Sparks verlieh derlei Preziosen ihre Note, der Rest des Songmaterials bestand aus Daseinsbetrachtungen, in denen manch ein Protagonist frühzeitig ins Jenseits befördert wurde.

Kauzige Liveauftritte unterstrichen die Seltsamkeit des Ehepaars, das nach Ochsentouren durch Clubs dies- und jenseits des Atlantiks mit dem Album Through the Trees (1998) erstmals größere Aufmerksamkeit in der Neigungsgruppe erzielte. Das Etikett American Gothic haftet ihnen seit damals an, mehr als ein Schulterzucken von Brett Sparks ist als Reaktion darauf nicht überliefert.

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Die Zuschreibung ist der Handsome Family geblieben, den kleinen Clubs ist sie aber entwachsen. Als T-Bone Burnett als musikalisch Verantwortlicher der HBO-Serie True Detective ein Titellied suchte, wurde er bei der Handsome Family fündig. Ihr Far From Any Road fungierte in der ersten Staffel der düsteren Krimiserie als Türöffner zum Reich der Finsternis und machte die Band berühmt.

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Wenn sich das für die Band ausgewirkt hat, dann nur am Kontostand, künstlerisch sind keine Veränderungen bemerkbar. Auf dem am Freitag erscheinenden Album Unseen gibt es keinen Song, der versuchen würde, den Glückstreffer zu wiederholen. Die Handsome Family spielt unbeeindruckt, was sie immer gespielt hat, wie man es von einer Band erwartet, die seit 20 Jahren quasi unverändert aussieht.

Kugel im Bauch

Schon im ersten Song fängt Brett Sparks als Erzähler eine Kugel mit dem Bauch, trägt der Wind seine Dollars davon, während er in einem Graben hinter einer gesichtslosen Raststätte liegt. Die Sonne geht unter, es wird dunkel, womöglich für immer. Gold heißt das Lied, Glück hat es ihm nicht gebracht.

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Die Band aus New Mexico kredenzt diese Geschichte im Midtempo, nur von einem Eröffnungslied lässt sich Brett derart in die Pflicht nehmen. In dem folgenden The Silver Light schnauft er durch, bremst ab. Er hebelt ein paar Münzen aus dem einarmigen Banditen, um sie sofort wieder in diesen zu retournieren und die Gratisgetränke und das All-you-can-eat-Angebot für Spieler zu preisen. Das kann nicht gutgehen, das geht nicht gut. Am Ende steht er mit leeren Händen da.

Die Songs dieser Family erzählen von Außenseitern, von den Glücklosen, von kleinen Hoffnungsschimmern und der Wirklichkeit, die sie verdunkelt. Zärtlich instrumentieren sie diese Geschichten, umschiffen die Fallen, die ihnen die Süßlichkeit stellt. Im Zweifel greifen sie zum Zynismus in kleinen Dosen, würzen mit Pech, Trennung und Tod. Was wären die großen Niederlagen ohne die kleinen?

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The Handsome Family vermittelt diese Berichte über das Scheitern in seltener Symbiose. Rennie schreibt die Texte, Brett die Musik. Ihre Songs wirken so offen wie hermetisch, grenzgängerisch dazwischen erscheint ein Höhepunkt des Albums, der Song The Red Door.

Entfernt an Bob Dylans I Shall Be Released angelehnt, taucht darin eine Orgel auf. Sie verleiht der Ballade Tiefe, sogar Brett gibt dem nach und singt mit ungewohnter Emphase. Gleichzeitig überschreitet die Orgel die Grenze zum Sakralen, dorthin, wo Friedhofsgeläut aus der Ferne bereits das nächste Drama verkündet. Und die Handsome Family, sie schunkelt behäbig mit. (Karl Fluch, 13.9.2016)

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