Zwischen den Skalpellen

Userkommentar12. September 2016, 10:40
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Im Machtkampf zwischen Ärztekammer und Wiener Krankenanstaltenverbund geht es nicht nur um Geld und Dienstzeiten, sondern auch um eine entsprechende Gesundheitsversorgung von morgen

Als Medizinstudent in Wien ist man in einer äußerst privilegierten Lage. Durch das Bestehen der Aufnahmeprüfung darf man eine in weiten Teilen qualitativ hochwertige Ausbildung genießen. In höheren Semestern kommt man aufgrund verpflichtender Praktika in direkten Kontakt mit einzelnen Krankenhäusern der Stadt Wien. Hier wird man schließlich zum Leistungsträger im Gesundheitssystem. Das ist jene Stelle des Studiums, an der man sein klinisches Wissen sowie praktische Fertigkeiten massiv vertiefen sollte. Die Betonung liegt hier auf sollte.

Wenn die Arbeit im ärztlichen Dienst zu stark verdichtet wird, leidet automatisch die klinische Ausbildung. Nicht nur die der Studenten, auch die der Assistenzärzte. In einer unterbesetzten Ambulanz hat eben auch der motivierteste und geduldigste Oberarzt nicht die Möglichkeit, eine Untersuchung oder ein Krankheitsbild seinen jungen Kollegen genauer zu erklären und weiterzugeben. Das ist ein sehr entscheidender Punkt in dieser Abwärtsspirale. Aus dem direkten Kontakt der jungen Studierenden mit einer derart schlechten Weitergabe von Wissen und Erfahrung ziehen viele ihre persönlichen Konsequenzen.

Wir sind dann mal weg

Der Weg ins Ausland wird schon zu großen Teilen während des Studiums oder unmittelbar danach gesucht. Die Schweiz und Deutschland locken mit besseren Arbeitsbedingungen, höheren Gehältern und einer fundierten Ausbildung. Mit der derzeitigen Gesundheitspolitik gibt sich die Stadt Wien große Mühe, möglichst viele junge, motivierte und zum Teil gut ausgebildete Mediziner zu verlieren. Staat und Gesellschaft bezahlen hier extrem teuer ausgebildete Akademiker und erhalten nicht einmal entsprechende Steuerzahler. Aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für eine solide Gesundheitsversorgung der Zukunft ist der Verlust dilettantisch.

Wo sind hier die Bemühungen der Wiener Stadtregierung, entsprechend gegenzulenken? Die Lehrkrankenhäuser des KAV sollen ihrem Namen gerecht werden und Rahmenbedingungen für qualitative Lehre schaffen. Ärzte müssen die finanziellen und zeitlichen Ressourcen erhalten, um ihre jüngeren Kollegen auch entsprechend auszubilden. Die hohe Qualität der Gesundheitsversorgung muss auch an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Gesundheit aller Wienerinnen und Wienern muss uns etwas wert sein.

Eine Teilnahme an den Protesten soll als das gesehen werden, was sie ist – ein Zeichen der Kritik an den Vorgängen im Wiener Gesundheitssystem und das aufrichtige Bestreben, dieses zu verbessern. (Lukas-Maurice Scheinost, 12.9.2016)

  • Ärzte müssen die finanziellen und zeitlichen Ressourcen erhalten, um ihre jüngeren Kollegen entsprechend auszubilden.
    foto: apa/helmut fohringer

    Ärzte müssen die finanziellen und zeitlichen Ressourcen erhalten, um ihre jüngeren Kollegen entsprechend auszubilden.

  • Demonstration der streikenden Ärzte Montagvormittag (Video).
    foto: apa/georg hochmuth

    Demonstration der streikenden Ärzte Montagvormittag (Video).

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