Wenn die Eltern Trump wählen

Blog13. September 2016, 07:00
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Die US-Wahl spaltet nicht nur ein Land in zwei Hälften, die Risse gehen auch durch Familien

Die Stimmung bei seinen Besuchen im Elternhaus ist eine andere, seit James weiß, dass sein Vater seine Stimme am 8. November Donald Trump geben wird. "Es macht mich sprachlos, dass er, der 80 verschiedene Länder bereist hat und einen Diplomatenpass hat, sich so entschieden hat. Ich zweifle wirklich an seinem Verstand", erzählt der Master-Student aus Washington. Er selbst – der nach eigenen Angaben einzige Liberale in der Familie – wird Hillary Clinton wählen.

Die Frage "Trump oder Clinton?" ist eine, an der sich die Geister der Generationen scheiden. Laut Umfragen hat Trump vor allem bei der Generation "Millennium" (den 18- bis 35-Jährigen) Schwierigkeiten zu punkten. Clinton ist zwar ebenfalls nicht sonderlich beliebt, aber die überwiegende Mehrheit (61 Prozent) spricht Trump jegliche Kompetenz und jegliches Führungsvermögen ab und sieht ihn in unvorteilhaftem Licht.

Kluft zwischen Eltern und Kindern

Es ist nichts Neues, dass die jüngeren Schichten mit Collegeabschluss in den USA ein deutlich liberaleres Weltbild haben als ihre Eltern. Schon 2004 und 2008 bei der Wahl von Präsident Barack Obama ist dies deutlich sichtbar geworden. Doch der starke Kontrast zwischen den beiden diesjährigen Kandidaten der Republikaner und Demokraten lässt die Kluft zwischen den Generationen nun noch unüberbrückbarer erscheinen.

Brittany aus Florida ist ebenfalls frustriert, dass ihr Vater – überzeugter Republikaner – sich von einem Kandidaten wie Donald Trump nicht abschrecken lässt: "Er glaubt so sehr an die Werte der republikanischen Partei, dass er niemals davon abgeht. Aber zumindest hat er mittlerweile akzeptiert, dass ich demokratisch wähle."

Generation Millennium ohne Sicherheiten

Dabei würde zumindest auf dem Papier einiges dafür sprechen, dass die Generation Millennium genügend Gründe hat, Donald Trumps Lager anzugehören: Schuldenberge aufgrund der horrenden und immer noch steigenden Studiengebühren, unbezahlte Praktika und eine unsichere Arbeitsmarktsituation. Der amerikanische Traum vom eigenen kleinen Glück mit Haus und Garten ist für die Millennials heutzutage denkbar weit entfernt, das Leben auf Pump oder bei den Eltern hingegen Alltag.

Warum Trump nach dem Ausscheiden von Bernie Sanders dann trotzdem nicht zieht? "Es liegt wohl daran, dass meine Generation weniger Angst vor Veränderungen hat und versteht, dass man am Status quo oder an der Vergangenheit ohnehin nicht festhalten kann", sagt James. "Außerdem sind unsere Prioritäten andere: Wir wollen nicht nur irgendeinen Job wie unsere Eltern, sondern einen mit entsprechender Work-Life-Balance, eine Krankenversicherung, die ihren Namen würdig ist, und die Möglichkeit, in Karenz zu gehen."

Umfragen deuten darauf hin, dass nicht der tatsächliche gesellschaftliche Abstieg oder die Arbeitslosigkeit, sondern ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit ausschlaggebend für das Sympathisieren mit Trump ist.

Dass sich große ideologische Unterschiede selbst innerhalb einer Familie auftun können, begründet James mit dem Medienkonsum seines Vaters: "Er hat sich der Gehirnwäsche von Fox News unterzogen. Seine Argumente sind sehr lückenhaft. Früher war Diskutieren noch möglich, aber jetzt macht es keinen Sinn mehr, ich versuche jedenfalls nicht auch noch Streit anzuzetteln."

Zu spät zum Brückenschlagen

Brittany wiederum sieht die persönlichen Erfahrungen ihres Vaters als Ursache seiner politischen Überzeugungen: "Wir sind in unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Umständen aufgewachsen. Er kommt aus einer Gemeinschaft, die sich stark über den Kalten Krieg und Vietnam definiert. Beide seiner Eltern haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, und seine Mutter, Jüdin aus Südafrika, glaubt, dass dieses Land das beste der Welt ist, weil es zum sicheren Hafen wurde."

Sie selbst ist betroffen, dass die politischen Einstellungen zwischen ihrem Vater und ihr selbst immer weiter auseinanderklaffen: "Ich habe als Kind und Jugendliche die Debatten mit meinem Vater genossen, weil ich mir dadurch meiner eigenen Meinung bewusst werden konnte. Jetzt ist es schwieriger. Ich bin politisch viel überzeugter als damals, und er wahrscheinlich auch." Die Tatsache, dass es der ehemalige Erziehungsberechtigte ist, der nun eine ihr diametral entgegengesetzte Politik befürwortet, macht die Situation nicht einfacher. Darüber streiten will die Studentin dennoch nicht, bleibt also nur das stille Akzeptieren. (Teresa Eder, 13.9.2016)

the guardian
Die Eltern von Filmemacher James Lantz unterstützen Donald Trump. Obwohl ihr Sohn demokratisch wählt, lieben sie ihn noch immer.
  • Wenn Eltern republikanisch wählen, gehen demokratisch eingestellte Kinder oft auf Distanz. 2016 sind die innerfamiliären Gräben besonders tief.
    foto: apa/afp/couronne

    Wenn Eltern republikanisch wählen, gehen demokratisch eingestellte Kinder oft auf Distanz. 2016 sind die innerfamiliären Gräben besonders tief.

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