Hangzhou: Die einzige Stadt Chinas, in der Autos vor dem Zebrastreifen anhalten

Blog12. September 2016, 11:10
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Nach tödlichen Unfällen starteten die Behörden eine Erziehungskampagne für Autofahrer – mit Erfolg. Nun wird gegen eine andere Unart vorgegangen

Der Taxifahrer war auf dem Weg zum Hangzhouer Westsee. Trotz Hauptverkehrszeit am Freitagnachmittag fuhr er zügig. Denn die ostchinesische Provinzhauptstadt, in der mehr als zehn Millionen Menschen leben und 2,4 Millionen Autos angemeldet sind, war wie ausgestorben. Vor uns war kein weiteres Auto zu sehen, hinter uns kam keines nach.

Die Leere verdankte Hangzhou dem G20-Gipfel. Zur Sicherheit der 28 angereisten Staats- und Regierungschefs stellten die Behörden die Metropole unter Ausnahmezustand. Schulen und Kindergärten blieben geschlossen, so wie viele Fabriken und Geschäfte. Hunderttausende Bürger verreisten für eine Sonderwoche auf Urlaub. Nur noch die Hälfte der Autos durften auf die Straße, täglich abwechselnd nach gerader oder ungerader Endziffer ihres Kennzeichen.

200 Meter vor uns tauchte am Straßenrand plötzlich ein einsamer Fußgänger auf, der auf die andere Seite wollte. Mein Fahrer bremste und kam vor dem Zebrastreifen zum Stehen. In all meinen China-Jahren hatte ich in keiner anderen Stadt erlebt, dass Autofahrer von sich aus vor einem Zebrastreifen anhalten. Im Gegenteil. Wenn Ausländer am Steuer in Peking aus Gewohnheit stehen blieben, stießen sie auf verblüffte und misstrauische Blicke der Passanten, die sich nicht vom Fleck rührten: Warum hält der Fremde? Was führt er im Schilde? Will er mich überfahren?

Zebra lässt Vortritt

Nicht so in Hangzhou. Dort wissen die Bürger, dass sie vorgelassen werden. Die Stadt macht ihrem Ruf alle Ehre, den ihr der weltbekannte Jesuit Matteo Ricci 1599 nach 15 Jahren Aufenthalt in China anhängte: Hangzhou sei ein "Paradies auf Erden". Offenbar auch für Fußgänger. Der 50-jährige Taxifahrer versicherte mir, es sei keine Show. "Ich halte immer an." Es gebe dafür sogar die Hangzhouer Abkürzung "Banmarang" (Zebra lässt Vortritt). In Langform bedeutet sie: "Lass dem Fußgänger vor dem Zebrastreifen aus Höflichkeit den Vortritt."

Ein skeptischer chinesischer Journalist des G20-Gipfels machte die Probe aus Exempel. Er beobachtete in einem entfernten Stadtteil, in dem auf den Straßen noch etwas los war, den Verkehr. In 41 Minuten zählte er 270 Wagen, die vor Zebrastreifen anhielten. In seinem Pekinger Bericht schrieb er daher: "Alles stimmt."

Zweifel weckten die Angaben der städtischen Verkehrsbehörden, die sich wie Meldungen aus der Märchenkiste sozialistischer Planerfüllung lesen: In Hangzhou halten 99 Prozent der Busse, 93 Prozent der Taxis und die allermeisten Pkws freiwillig vor Zebrastreifen an.

Erziehungskampagne gestartet

Das kommt nicht von ungefähr, sondern wird Autofahrern seit zehn Jahren eingebläut. Auslöser waren tödliche Unfälle an ampelgeregelten Kreuzungen und vor Zebrastreifen. Hangzhous Behörden traten eine Erziehungskampagne los mit Lob und Tadel, aber auch mit saftigen Geldbußen und Strafpunkten.

2007 starteten sie mit den Busfahrern. Angezeigte Durchfahrer büßten ihren monatlichen Sicherheitsbonus von 300 Yuan ein (fast 45 Euro). Ende 2009 kamen dann die Taxis dazu. Fahrer, die vor dem Fußgängerübergang nicht hielten, bekamen zehn Strafpunkte in der Verkehrssünderkartei aufgebrummt. Ab einem Dutzend Punkte ist ein Nachhilfekurs in der Fahrschule fällig. Dann waren die privaten Pkws dran.

Kameras halten Sünder fest

Weil auch Hangzhou Vertrauen für gut, Kontrolle aber für besser hält, montierten die Behörden 2011 Kameras vor den Zebrastreifen. Im Herbst 2015 legalisierte das Stadtparlament das Halten vor den Zebrastreifen als lokale Vorschrift.

Seit März spielt Hangzhou wieder den Vorreiter. Jetzt macht die Stadt auch gegen "Mingdi" mobil, gegen das wilde Hupen. Fahrer zahlen 50 Yuan Strafe. In den ersten fünf Tagen wurden 811 notorische Huper erwischt. Die neue Kampagne setzt sich durch. Zwar hupen die meisten Fahrer weiter, aber immer nur ganz kurz. "Wir wissen so nicht, wer es war", zitierte eine Lokalzeitung einen schimpfenden Polizisten. Immerhin: Nach der Höflichkeit zieht in Hangzhous Straßenverkehr auch mehr Ruhe ein. (Johnny Erling aus Hangzhou, 12.9.2016)

  • Die Zebrastreifen in Hangzhou sind sicherer als im restlichen China.
    foto: erling

    Die Zebrastreifen in Hangzhou sind sicherer als im restlichen China.

  • Plakat zur Verkehrserziehung: "Zivilisiert den Vorrang lassen. Dann fließt auch der Verkehr."
    foto: erling

    Plakat zur Verkehrserziehung: "Zivilisiert den Vorrang lassen. Dann fließt auch der Verkehr."

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