Freudenfest mit Verspätung

11. September 2016, 21:42
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Die Sächsische Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann in Grafenegg

Grafenegg – So manches im Leben stellt sich erst verspätet ein: der Sommer, die große Liebe, die Steuerrückzahlung oder Verkehrsmittel aller Art. Das ist an sich nicht schlimm, kann man sich davor doch in Geduld, Kontemplation, Reflexion und anderen sinnvollen Dingen üben.

So durfte man etwa am letzten Samstagnachmittag, auf der Hintertreppe des Hotels Imperial fläzend, beim Warten auf den Zubringerbus nach Grafenegg in Ruhe den Musikverein betrachten und darüber nachsinnen, dass Anton Bruckner in diesem Haus im Dezember 1877 eines der größten Fiaskos seines Lebens – von den privaten einmal abgesehen – erlebt hat: das Dirigat seiner Dritten Symphonie mit den Wiener Philharmonikern.

Genau jene Dritte wurde nämlich am Abend in Grafenegg von Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle gegeben, und zwar in ebendieser Fassung von 1877 (es gibt noch andere). Wenn Thielemann Bruckner dirigiert, dann ist das natürlich so ziemlich genau das Gegenteil eines Fiaskos: Kaum einer kann Bruckner besser. Und auch beim Kurzauftritt im Wolkenturm war es ein Glück, ihn und die Dresdner erleben zu dürfen.

Der 57-Jährige wird auf seine mittelalten Tage scheinbar menschlicher, aber trotzdem nicht ungenauer. Der streitbare Kapellmeister ist ein Großmeister dynamischer Feinarbeit, der penibel justierten Steigerungen; bei seinen interpretatorischen Wanderungen hat Thielemann immer die Lautstärkentopografie des gesamten Werks im Blick.

In den Ecksätzen wurde nie bombastisch musiziert, sondern plastisch. Selbst die wuchtigen Unisono-Tutti erklangen beschwingt, fast tänzerisch, die lyrischen Themen zart. Der langsame Satz war von einer romantischen Bewegtheit durchdrungen, die in wuchtigen Höhepunkten kulminierte. Im Finalsatz machte Thielemann Dampf, ohne den kleinsten Abstrich in Sachen Genauigkeit machen zu müssen. Die Staatskapelle wurde unter seiner Führung zum Hochpräzisionsinstrument. Ein meisterhaftes, ein wundervolles Konzert. Und ein verspätetes Freudenfest für Herrn Bruckner. (Stefan Ender, 11.9.2016)

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