Die Machtergreifung des Drittelpräsidenten

Kolumne11. September 2016, 18:51
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Norbert Hofer nutzt die Gunst des Vakuums. Er tut so, als wäre er gewählt

Den Bundespräsidenten ersetzt im Moment eine Dreifaltigkeit der größten Parlamentsparteien. Religiös gesehen könnten wir damit sogar Weihnachten überdauern. Und im neuen Jahr ist alles anders, da würden wir uns noch wundern. Blöd ist nur, dass unter den drei von der Verfassung Gesalbten kein Heiliger Geist ist. Denn der hätte wohl verhindert, dass Klebstoff zum Corpus Delicti wird. Vielleicht hätte man ein wenig Weihwasser dazumischen und den Papst um seinen (Wahl-)Segen bitten sollen. Das Katholische in Österreich wäre wiederauferstanden.

So aber nützt der Drittelpräsident Norbert Hofer die Gunst des Vakuums und versucht eine optische Machtergreifung. Indem er so tut, als wäre er gewählt, und sich vom tschechischen Staatspräsidenten in Prag empfangen lässt. Wenn die tatsächliche Wiederholung der versuchten Wiederholung sich lange genug hinauszögert, wird Hofer möglicherweise auch noch von den Präsidenten Ungarns und Polens eingeladen. Von Wladimir Putin empfangen zu werden wäre für den blauen Vollkandidaten ein Erfolg von Trump'schen Ausmaßen. Nach Mexiko zu fahren, wie der US-Republikaner, würde ja nichts bringen. Da war der unglückliche Habsburger Maximilian schon.

Lichtgestalt und "letzte Hoffnung" Hofer

Wie viel die Freiheitlichen von Österreich halten, haben sie am Wochenende in einem oberösterreichischen Bierzelt demonstriert. Hofer sei die "letzte Hoffnung" für diesen Staat, denn laut Manfred Hainbuchner stehen die Zeichen auf Untergang: "Die Willkommenshysteriker verbrennen in den Feuern des Terrors." Der Teufel naht.

Hofer ist in dieser Erzählung eine Lichtgestalt. Mit einem Schwert allerdings. Denn "je mehr man mich bekämpft, desto stärker werde ich". Das ist eine Variante des alpinen Überlebensprinzips "Was mich nicht hinmacht, macht mich härter".

Zugeständnis Urneneinwurf

Zwar ist Alexander Van der Bellen ein gegerbter (oder geräucherter) Tiroler, die Verschiebung findet er wienerisch "charmant" und hütet sich vor Biertisch-Sagern.

Während Hofer sich dreist durch die Forderung nach Abschaffung der Briefwahl einen Vorteil zu verschaffen sucht, bleibt Van der Bellen sachlich. Allein schon den Sonntagsarbeitern stünden andere Varianten als der Urneneinwurf zu. Ganz abgesehen von den Auslandsösterreichern.

Die frühere "Mitte" ist heute "links"

Sieht man ab von den gefühlstriefenden Plakaten des Grün-Liberalen: Im schlampigen und theatralischen Österreich ist die Sachorientierung Van der Bellens auch eine Gefahr. Denn er ist nun einmal kein Kämpfer der martialischen Art.

Auch die Stimmung in der Republik hat sich verschoben. Was noch in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als "Mitte" galt, ist heutzutage "links". Und was damals "rechts" angesiedelt wurde, ist heute "Mitte".

Deshalb ist der grüne Professor ein Linker und der rechte FPÖler ein Moderater. Erst Samstag wieder ist ein Rechtsruck erfolgt. Der neue ÖAAB-Chef August Wögerer redete wie ein FPÖ-Funktionär.

Die gewohnten politischen Klebestreifen halten nicht mehr. Hofer ante portas. (Gerfried Sperl, 11.9.2016)

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