Seoul: Nordkorea bereitet neuen Atomwaffentest vor

12. September 2016, 06:08
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Pjöngjang fordert von den USA Anerkennung als "Atomwaffenstaat"

Seoul – Die südkoreanische Regierung erwartet einen neuerlichen Atomwaffentest in Nordkorea. Die Vorbereitungen dafür seien nach Informationen des Geheimdiensts abgeschlossen, sagte der Sprecher des südkoreanischen Verteidigungsministeriums, Moon Sang Gyun, am Montag in Seoul. Für den Test habe Nordkorea einen Tunnel am Atomtestgelände Punggye-Ri vorbereitet. Der Ministeriumssprecher betonte, die südkoreanische Armee sei in ständiger Gefechtsbereitschaft, um auf "weitere Atomtests, Abschüsse ballistischer Raketen oder Provokationen an Land" zu reagieren.

Erst am Freitag hatte Nordkorea ungeachtet internationaler Sanktionen zum fünften Mal einen Atomtest unternommen. Danach forderte Pjöngjang die Anerkennung als "Atomwaffenstaat". Die Weigerung von US-Präsident Barack Obama, Nordkoreas "strategische Position als legitimer Atomwaffenstaat" anzuerkennen, sei so unsinnig wie zu versuchen, "die Sonne mit seiner Handfläche zu verdecken", erklärte das Außenamt am Sonntag. Die USA, Japan und Südkorea drängen auf neue Sanktionen.

Reaktion auf "nukleare Erpressung"

Ein nordkoreanische Außenamtssprecher verteidigte den Atomwaffentest als notwendige Reaktion auf die atomare Bedrohung durch die USA. Laut der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA kündigte er zudem an, die Atomstreitkraft "in Qualität und Quantität" weiter auszubauen. Bereits die Parteizeitung "Rodong Sinmun" hatte den Test als Reaktion auf die "einseitige nukleare Erpressung" durch Washington bezeichnet.

Der US-Sondergesandte für Nordkorea, Sung Kim, kündigte nach einem Treffen mit seinem japanischen Kollegen Kenji Kanasugi in Tokio an, im Sicherheitsrat und darüber hinaus "eng zusammenzuarbeiten, um die stärksten möglichen Maßnahmen gegen Nordkoreas jüngste Aktionen zu beschließen". Kanasugi erklärte, Seoul, Tokio und Washington würden ihr Vorgehen koordinieren, um weitere Sanktionen zu erreichen.

UN kritisiert Nordkorea

Der UN-Sicherheitsrat hatte am Freitag wenige Stunden nach dem erneuten Atomtest Nordkoreas bei einer Dringlichkeitssitzung in einer einstimmig verabschiedeten Erklärung angekündigt, nach Artikel 41 der UN-Charta "unverzüglich" angemessene Maßnahmen zu erarbeiten und eine Resolution zu formulieren. Artikel 41 regelt die Möglichkeiten gewaltloser Maßnahmen wie Wirtschaftssanktionen.

Nordkorea hatte am Freitag nach eigenen Angaben einen "neu entwickelten Atomsprengkopf" gezündet. Der südkoreanischen Regierung zufolge handelte es sich um den bisher intensivsten Atomwaffentest Nordkoreas. Laut dem Verteidigungsministerium in Seoul wurde eine Detonationsstärke von rund zehn Kilotonnen gemessen. Die Atombombe, die 1945 über dem japanischen Hiroshima abgeworfen worden war, hatte eine Sprengkraft von rund 15 Kilotonnen.

Der neuerliche Atomtest wurde international einhellig verurteilt – selbst Nordkoreas engster Verbündeter China reagierte empört. Der chinesische UN-Botschafter Liu Jieyi betonte nach dem Ende der Dringlichkeitssitzung die Notwendigkeit, gemeinsam auf eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel hinzuarbeiten. Beide Seiten müssten jede Provokation vermeiden. Über die Frage bezüglich Sanktionen äußerte er sich aber nicht.

Washington drängt China

Der US-Sondergesandte Kim sagte am Sonntag in Tokio, Washington werde weiterhin den "Dialog" mit Peking suchen. Die US-Regierung dränge China zudem, die bestehenden Sanktionen gegen Nordkorea durchzusetzen. China ist der letzte Verbündete des international sonst isolierten Landes. Es hängt damit wesentlich von China ab, ob es gelingt, den Druck auf Pjöngjang noch mehr zu erhöhen.

Südkoreas Präsidentin Park Geun-Hye lud unterdessen führende Politiker ihrer konservativen Partei sowie der zwei liberalen Oppositionsparteien für Montag zu einem Treffen ein. Dabei will sie offenbar die Opposition für eine gemeinsame Reaktion auf die atomare Bedrohung aus Nordkorea gewinnen. Dabei geht es insbesondere um die Stationierung des US-Raketenschilds THAAD, das die Opposition kritisch sieht.

Offenbar mehrere Atomsprengköpfe

Seit dem ersten Atomwaffentest Nordkoreas 2006 hat der UN-Sicherheitsrat bereits fünf Runden von Sanktionen verhängt, doch hielten sie Pjöngjang nicht davon ab, immer wieder Atombomben und Raketen zu testen. Experten sind sich einig, dass Nordkorea über mehrere Atomsprengköpfe verfügt. Bisher wurde die Fähigkeit des Landes, eine Interkontinentalrakete mit einem Atomsprengkopf zu bestücken, allerdings angezweifelt.

Die südkoreanische Presse reagierte am Samstag alarmiert auf den jüngsten Atomtest. Die meistverkaufte südkoreanische Zeitung "Chosun Ilbo" bezeichnete Kim als "nuklearen Irren". Andere Blätter forderten in Leitartikeln Washington auf, wieder taktische Atomwaffen in Südkorea zu stationieren, nachdem diese in den Neunzigerjahren abgezogen worden waren. Zudem müsse China Nordkorea den Ölhahn zudrehen. (APA, 12.9.2016)

  • Vor dem japanischen Verteidigungsministerium in Tokio ist die Raketenabwehr in Bereitschaft. Japan koordiniert mit Südkorea eine Reaktion auf die nordkoreanischen Atom- und Raketentests.
    foto: apa/afp/nogi

    Vor dem japanischen Verteidigungsministerium in Tokio ist die Raketenabwehr in Bereitschaft. Japan koordiniert mit Südkorea eine Reaktion auf die nordkoreanischen Atom- und Raketentests.

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