Linzer Klangwolke: Die Wiederbelebung einer Kultur-Leiche

11. September 2016, 09:07
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Erleuchtung mit Botschaft – Das Traditionsspektakel im Donaupark glänzte heuer vor allem auch inhaltlich

Linz – Die Linzer Klangwolke gilt als alljährlich Fixpunkt im Kulturkalender der Stahlstadt. Mit gewohnter Regelmäßigkeit wird seit 1979 im Herbst der Donaupark bespielt – wobei die Beständigkeit der Veranstaltung kein Garant für Qualität ist. Oft hatte man in den letzten Jahren das Gefühl eines reinen Technikspektakels, dessen kultureller Inhalt stets schnell in der Donau versank. Man hatte mit der Klangwolke längst schon Linzer-Torten-Niveau erreicht: Schöne Verpackung, fad bis trockener Inhalt – aber sowohl Süßspeise als auch Klangwolke gehören zur Stadt. Man konsumiert eben brav, was man serviert bekommt.

foto: apa/werner kerschbaummayr

Umso mehr überraschte die Visualisierte Klangwolke im heurigen Jahr: Thematisch am "Fluss des Wissens" angesiedelt, präsentierte sich die Traditionsveranstaltung am vergangenen Samstagabend erfrischend anders und vor allem mit gehaltvollem Inhalt. Der Berliner Medienkünstler Salvatore Vanasco kredenzte nach Jahren der pyrotechnischen Einseitigkeit eine höchst politische Klangwolke. Immer noch ein gigantisches Licht- und Feuer- und Drohnen-Spektakel, aber mit einer klaren Botschaft für die rund 100.000 Zuschauern zwischen Kunstmuseum Lentos und Brucknerhaus.

50 Jahre Wissensvermittlung

Geladen hatte Vanasco zu einem Geburtstagsfest für die Linzer Johannes Kepler Universität. 50 Jahre Wissensvermittlung galt es zu feiern – womit sich auch der Titel der heurigen Klangwolke erklärt. Doch von einer einen reinen Jubelfeier war man weit weg. Zu den musikalischen Kompositionen von FM Einheit, ehemals Mitglied der Einstürzenden Neubauten, wurde der inhaltliche Bogen weit gespannt: Vom Revolutionsjahr 1848 über die gewaltsame Niederschlagung der ursprünglich studentischen Tian'anmen-Bewegung 1989 über aktuelle Themen wie die Flüchtlingsbewegung, der Terror in Europa, der Situation in der Türkei bis hin zu wissenschaftlicher Selbstkritik – in Anlehnung an Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" skandierten Kinder: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden."

foto: apa/werner kerschbaummayr

Besonders beeindruckend dann die Rede des JKU-Hausherren. Rektor Meinhard Lukas verzichtete auf eine universitäre Bauchpinselei und rückte stattdessen noch einmal die aktuelle Situation in der Türkei in den Fokus: "Gerichte sind unabhängig, Wissenschaft, Kunst und Presse sind frei. So steht es in unserer Verfassung. Das ist Konsens in Europa. Nicht aber in der Türkei. Hier spricht die Politik ungeniert von "Säuberungen". Gemeint sind damit Menschen: Richter, Journalisten, Künstler, Wissenschaftler. Sie werden entlassen, verhaftet, dürfen nicht ausreisen. Universitäten werden geschlossen, Medien verboten. Es regiert der Hass. Wie in den dunklen Epochen unserer Geschichte." Lukas rief vor allem zur Solidarität mit der inhaftierten türkischen Schriftstellerin und Journalistin Asli Erdogan auf: "Möge ihre Poesie stärker sein als der diffuse Hass in den Palästen der Macht".

foto: apa/werner kerschbaummayr

Die Linzer Klangwolke hat den Weg zurück auf die ernstzunehmende Kulturbühne gefunden. Es gilt nun auch in den kommenden Jahren diesen schmalen Grat zwischen Technikspektakel und gesellschaftspolitischer Relevanz zu meistern. Das Ziel kann nämlich nicht sein, jährlich 100.000 Menschen mit dem Gefühl "Oba‘ des Feuerwerk war heuer wirklich supa‘" ziehen zu lassen. (Markus Rohrhofer, 11. 09. 2016)

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