Den Fluch des Bargelds langsam brechen

Kommentar der anderen9. September 2016, 17:08
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Der überwiegende Anteil der Papiergeldmenge im Umlauf besteht aus sehr großen Scheinen – und fördert vor allem die Kriminalität und Steuerhinterziehung. Die Nutzung von Bargeld im Alltag gehört nicht völlig abgeschafft, aber deutlich reduziert

Die Welt schwimmt im Papiergeld. Die Notenbanken der großen Länder pumpen jedes Jahr hunderte von Milliarden Dollar in das System, überwiegend in Form von Banknoten mit sehr hohem Nennwert wie dem 100-Dollar-Schein. Fast 80 Prozent der enormen Menge an Bargeld pro Kopf in den USA von 4200 Dollar entfallen auf 100-Dollar-Scheine. In Japan entfallen fast 90 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargeldes auf den 10.000-Yen-Schein (etwa 100 Dollar), und die Menge an Bargeld pro Kopf beträgt fast 7000 Dollar. Und wie ich bereits seit zwei Jahrzehnten argumentiere, fördert all das Bargeld in erster Linie das Wachstum in der Schattenwirtschaft und nicht im legalen Wirtschaftskreislauf.

Ich spreche mich dabei nicht für eine bargeldlose Gesellschaft aus, denn die ist auf absehbare Zeit weder praktikabel noch wünschenswert. Doch wäre eine Gesellschaft, in der weniger Bargeld im Umlauf ist, fairer und sicherer.

Angesichts des zunehmenden Einsatzes von Bankkarten, elektronischen Überweisungen und mobilen Zahlungen ist die Verwendung von Bargeld im legalen Wirtschaftskreislauf schon seit langem im Schwinden begriffen, insbesondere, was mittelgroße bis große Geldgeschäfte angeht. Untersuchungen der Notenbanken zeigen, dass nur ein kleiner Teil der großen Scheine von normalen Bürgern oder Unternehmen gehalten und genutzt wird.

Bargeld fördert das Verbrechen, weil es anonym ist, und große Scheine sind besonders problematisch, weil sie sich so leicht transportieren und verstecken lassen. Eine Million Dollar in 100-Dollar-Scheinen passt in einen Aktenkoffer, eine Million Dollar in 500-Euro-Scheinen sogar in die Brieftasche.

Natürlich gibt es auch ohne Bargeld jede Menge Möglichkeiten, Amtsträger zu bestechen, Finanzverbrechen zu begehen und Steuern zu hinterziehen. Aber die meisten sind mit sehr hohen Transaktionskosten (z. B. bei ungeschliffenen Diamanten) oder Entdeckungsrisiken (etwa bei Banküberweisungen oder Kreditkartenzahlungen) verbunden.

Zugegeben, bei Verwendung der neuen Kryptowährungen wie Bitcoin ist man zwar nicht ganz vor Entdeckung gefeit, aber doch beinah. Allerdings schwankt der Wert dieser Währungen stark, und Regierungen haben viele Möglichkeiten, ihren Einsatz zu beschränken – etwa, indem sie verhindern, dass sie in Banken oder Einzelhandelsgeschäften als Zahlungsmittel angenommen werden. Bargeld ist einzigartig, was seine Liquidität und nahezu universelle Akzeptanz angeht.

Teure Steuerhinterziehung

Allein schon die Kosten der Steuerhinterziehung sind atemberaubend und dürften in den USA (unter Berücksichtigung der Steuern von Bund und Einzelstaaten sowie der Kommunalabgaben) bei etwa 700 Milliarden Dollar jährlich liegen, und in Europa, wo die Steuern höher sind, dürften es noch mehr sein. Verbrechen und Korruption sind schwer zu quantifizieren, aber fast mit Sicherheit mit noch höheren Kosten verbunden. Man denke hier nicht nur an Drogenhandel und organisiertes Verbrechen, sondern auch an Menschenhandel, Terrorismus und Erpressung.

Zudem sind Barzahlungen seitens der Arbeitgeber an Schwarzarbeiter ein Hauptantriebsfaktor der illegalen Einwanderung. Den Einsatz von Bargeld zurückzuschrauben ist eine deutlich humanere Methode zur Einwanderungsbeschränkung als die Errichtung von Stacheldrahtzäunen.

Wenn die Regierungen nicht derart berauscht wären von den Gewinnen, die sie mit dem Drucken von Papiergeld erzielen, würden sie sich die Kosten vielleicht stärker bewusst machen. In letzter Zeit ist allerdings etwas Bewegung in die Sache gekommen. Die Europäische Zentralbank hat vor kurzem angekündigt, dass sie ihren 500-Euro-Schein auslaufen lassen wird. Allerdings wurde diese seit langem überfällige Änderung gegen enormen Widerstand aus den Bargeld liebenden Ländern Deutschland und Österreich umgesetzt. Doch selbst in Nordeuropa sind die gemeldeten Barbestände pro Kopf im Vergleich zu der enormen im Umlauf befindlichen Menge an Bargeld in der Eurozone insgesamt (über 3000 Euro pro Kopf) relativ bescheiden.

Höchstgrenzen im Handel

Die südeuropäischen Regierungen, die verzweifelt versuchen, ihr Steueraufkommen zu erhöhen, haben die Sache selbst in die Hand genommen, obwohl sie die Ausgabe von Banknoten nicht kontrollieren. So versuchen Griechenland und Italien, von der Verwendung von Bargeld abzuschrecken, indem sie für Bargeschäfte im Einzelhandel Höchstgrenzen (1500 bzw. 1000 Euro) festgelegt haben.

Natürlich bleibt Bargeld für die kleinen Geschäfte des täglichen Lebens und zum Schutz der Privatsphäre wichtig. Die nordeuropäischen Notenbanker, die den Status quo befürworten, zitieren gern den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der sagte: "Geld ist geprägte Freiheit." Natürlich bezog sich Dostojewski auf das Leben in einem zaristischen Gefängnis in der Mitte des 19. Jahrhunderts und nicht auf einen modernen, freiheitlichen Staat. Trotzdem haben die Nordeuropäer nicht ganz Unrecht. Die Frage ist, ob im derzeitigen System die Balance stimmt. Ich würde argumentieren, dass sie das eindeutig nicht tut.

Ein Plan zur Begrenzung des Papiergeldes sollte von drei Grundsätzen bestimmt sein. Erstens ist es wichtig, Normalbürgern zu ermöglichen, Bargeld weiterhin dort zu verwenden, wo dies praktisch ist, und anonyme Käufe von mäßiger Größe zu tätigen, jedoch zugleich das Geschäftsmodell jener zu untergraben, die große, wiederholte Transaktionen auf Großhandelsniveau tätigen.

Allmähliche Umsetzung

Zweitens sollte jeder derartige Plan nur ganz allmählich umgesetzt werden (man denke an einen Zeitrahmen von ein bis zwei Jahrzehnten), um bei Auftreten unerwarteter Probleme Anpassungsmaßnahmen und notwendige Kurskorrekturen vornehmen zu können. Und drittens müssen die Reformen die Bedürfnisse der Haushalte mit niedrigem Einkommen berücksichtigen, insbesondere jener ohne eigenes Bankkonto.

In meinem neuen Buch The Curse of Cash stelle ich einen Plan vor, der die allmähliche Abschaffung großer Banknoten vorsieht und zugleich die kleinen Scheine (10 Dollar und darunter) dauerhaft in Umlauf lässt. Der Plan sieht die finanzielle Eingliederung breiter Schichten vor, indem er Haushalten mit niedrigem Einkommen kostenlose Girokonten anbietet, die außerdem für staatliche Transferleistungen genutzt werden könnten. Einige Länder wie etwa Dänemark und Schweden haben diesen letztgenannten Schritt bereits umgesetzt.

Die Reduzierung der Verwendung von Papiergeld würde Verbrechen und Steuerhinterziehung sicher nicht beenden, aber sie würde die Schattenwirtschaft zwingen, riskantere und weniger liquide Zahlungsmittel zu nutzen. Bargeld mag in unserer heutigen hochtechnisierten Finanzwelt als nebensächlich erscheinen, doch die Vorteile einer überwiegenden Abschaffung des Papiergeldes sind sehr viel größer, als man glauben könnte. Aus dem Englischen: Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate. (Kenneth Rogoff, 9.9.2016)

Kenneth Rogoff ist Ökonomieprofessor an der Universität Harvard. Sein neuestes Buch, "The Curse of Cash", ist gerade bei Princeton University Press erschienen.

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