Neues Rekordbauwerk in Schweizer Alpen

11. September 2016, 09:00
257 Postings

Das Pumpspeicherwerk Limmern soll einen Beitrag zur Energiewende in der Schweiz und in Europa leisten. Es rechnet sich in 80 Jahren

Drei Monate nach dem neuen Eisenbahn-Basistunnel durch den Gotthard ist in den Schweizer Alpen erneut ein Rekordbauwerk eingeweiht worden: Das Pumpspeicherwerk Limmern, das größte in den Alpen, soll einen Beitrag an die Energiewende in der Schweiz und in Europa leisten.

"Du Tal des Tödi bist vom Tod der Traum. Hier ist das Ende", dichtete Karl Kraus, nachdem er mit seiner Geliebten Sidonie Nádhern im Jahr 1928 einige glückliche Tage und Nächte im Hotel Tödi in Tierfehd verbracht hatte. Hier, zuhinterst im Kanton Glarus, wo sich in allen Richtungen senkrechte Felswände erheben, bis hinauf zum 3600 Meter hohen Gipfel des gletscherbedeckten Tödi, hier hat der Schweizer Energiekonzern Axpo im Hotel Tödi das Besucher-Infozentrum für das Pumpspeicherwerk Limmern eingerichtet. Daneben haben die Bauarbeiter und Ingenieure ihr Hauptquartier aufgeschlagen; während sechs Jahren waren bis zu 500 Bauarbeiter gleichzeitig im Einsatz im schwierigen, hochalpinen Gelände. Vier Todesopfer waren während der Bauarbeiten zu beklagen.

Und nun ist der neue Muttsee aufgestaut, die ersten beiden Turbinen drehen sich und liefern Strom. "Das Pumpspeicherwerk Limmern ist ein Jahrhundertbauwerk", sagte Axpo-Konzernchef Andrew Walo bei der feierlichen Einsegnung. "Die Staumauer am Muttsee ist mit mehr als einem Kilometer Länge die längste in der Schweiz und mit einer Kronenhöhe von 2475 Metern die höchstgelegene in den ganzen Alpen".

Die installierte Leistung von 1520 Megawatt entspricht der eines Atomkraftwerks. Mehr als zwei Milliarden Franken kostete das Bauwerk, das dazu dienen soll, Stromangebot und -Nachfrage europaweit besser in Einklang zu bringen.

Schwankungen ausgleichen

Das Prinzip ist einfach: Wenn auf dem europäischen Strommarkt die Nachfrage gering, das Angebot groß und der aktuelle Strompreis niedrig sind, dann wird Wasser von den tiefer gelegenen Stauseen und Ausgleichsbecken hinauf in den Muttsee gepumpt. Wenn der Strombedarf und damit der Strompreis steigt, dann wird das Wasser in der Gegenrichtung abgelassen und treibt die Turbinen und Generatoren an, die Strom ins Netz einspeisen. Das Pumpspeicherwerk Limmern, das doppelt so leistungsfähig ist wie das größte österreichische Werk im kärntnerischen Malta, soll so mithelfen, das Stromnetz zu stabilisieren und die Schwankungen auszugleichen, die aus der zugebauten Windkraft entstehen. Das Problem dabei: Als der Bau vor sieben Jahren beschlossen wurde, lagen die Strompreise deutlich höher als heute. Nun sind sie im Keller, auch weil immer noch zu viel Billigstrom aus alten Kohlekraftwerken auf den Markt drückt.

Limmern wird deshalb in absehbarer Zeit kaum rentabel betrieben werden und erst recht nicht die Baukosten amortisieren können. "Angesichts der heutigen Marktsituation würde uns wohl der Mut fehlen, eine solche Investition in Angriff zu nehmen", gestand Axpo-Chef Walo denn auch ein. "Wir rechnen mit einem Zeithorizont von 80 Jahren. Erst unsere Enkelkinder werden beurteilen können, ob wir mit unserem damaligen Investitionsentscheid richtig lagen oder nicht." (Klaus Bonanomi aus Linthal, 11.9.2016)

  • Das Pumpspeicherkraftwerk Limmern pumpt Wasser aus dem Limmernsee in den 630 Meter höher gelegenen Muttsee zurück. Es ist dies eines der größten Projekte der Schweizer Axpo.
    grafik: standard

    Das Pumpspeicherkraftwerk Limmern pumpt Wasser aus dem Limmernsee in den 630 Meter höher gelegenen Muttsee zurück. Es ist dies eines der größten Projekte der Schweizer Axpo.

  • Blick auf den Muttsee.
    foto: epa/flueeler

    Blick auf den Muttsee.

Share if you care.