Glosse "Wortkunde": Markenkern

Glosse11. September 2016, 09:00
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Das Wort Kern ruft nicht nicht unbedingt immer nur positive Assoziationen hervorruft

Zum Glück haben die österreichischen Medien weitgehend der Versuchung widerstanden, den Amtsantritt des (nun schon nicht mehr ganz so neuen) Bundeskanzlers zum Anlass für viele Kern-Witze zu nehmen. In dieser Woche hätte es gleich zwei Anhaltspunkte für die Behauptung gegeben, dass kernige Zeiten hinter und vor uns liegen.

Erstens hat Christian Kern in diversen Sommergesprächen seine Regierungsabsichten erläutert, und zweitens tritt mit Werner Amon ein neuer ÖVP-"General" an, dessen erklärtes Ziel es ist, den "Markenkern" der Partei zu schärfen.

Wenn in der Politik von einem "Markenkern" die Rede ist, haben wir es mit einem mehrfachen sprachlichen Entlehnungs- und Verschiebungsprozess zu tun. Es wird ein Begriff aus der Wirtschaft ("Markenkern" ist klassischer Marketingjargon) auf die Politik übertragen, und ein Begriff aus der Botanik ("Kern") auf die Wirtschaft: Steinobst meets Verkaufsargument.

Dabei ist das Wort Kern ja eines, das nicht unbedingt immer nur positive Assoziationen hervorruft. Beim Verzehr des Obstes genießt man das Fruchtfleisch und empfindet den Kern als eine kulinarisch unnötige Beigabe.

Der harte Kern der Goethe-Leser weiß, dass auch "des Pudels Kern" kein Guter ist, sondern Mephistopheles, welcher Faust in hündischer Verkleidung in seiner Studierstube heimsucht und seinen "Kern" erst freilegt, nachdem ihn Faust mit vier Zaubersprüchen traktiert hat. Im übertragenen Sinn meint "des Pudels Kern" heute einen zentralen, entscheidenden Sachverhalt.

Vom angeblich heilsamen Kirschkernkissen abgesehen sind Kerne eine sprichwörtlich unbequeme Sitz- bzw. Liegeunterlage: "rembourré avec des noyaux de pêches", "mit Pfirsichkernen gepolstert", nennen die Franzosen einen Sessel, auf dem man besonders hart sitzt. Aber genug des Defaitismus. Der Kern, und mit ihm vielleicht der Markenkern, hat ja auch die Eigenschaft, dass etwas Schönes aus ihm erwachsen kann. Wir sind schon gespannt, welche politischen Preziosen der "geschärfte" Markenkern der ÖVP hervortreiben wird. (Christoph Winder, 11.9.2016)

  • Zum Glück haben die österreichischen Medien weitgehend der Versuchung widerstanden, den Amtsantritt des Bundeskanzlers zum Anlass für viele Kern-Witze zu nehmen.
    foto: matthias cremer

    Zum Glück haben die österreichischen Medien weitgehend der Versuchung widerstanden, den Amtsantritt des Bundeskanzlers zum Anlass für viele Kern-Witze zu nehmen.

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