Filmfestival Venedig: Glorreiche Sieger, versöhnliche Rächer

9. September 2016, 16:07
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Am Samstag wird in Venedig der Goldene Löwe verliehen

Die glorreichen Sieben, Antoine Fuquas Neuverfilmung eines berühmten Westerns mit vielen Helden, bildet den Shootout des Festivals Venedig. In Toronto hat derselbe Film unterdessen schon das nächste Großereignis eröffnet. Das hat auch Nachwirkungen auf dem Lido: Am Ende geht alles ein wenig gelassener zu. Selbst die Carabinieri, die bei der Einfahrt in die Festivalzone zum Schieben des Fahrrads aufgefordert haben, schauen nur noch gelangweilt ins Leere.

Am Samstagabend wird der Goldene Löwe vergeben. Einen eindeutigen Favoriten – der es dann ja oft doch nicht wird, wie bei Toni Erdmann dieses Jahr in Cannes geschehen – gibt es nicht. Damien Chazelles spielfreudige Verbeugung vor dem Musical, La La Land, Pablo Larraíns Jackie oder Stéphane Brizés fein gewobene Literaturverfilmung Une Vie, die ohne Pathos, eher lapidar das entbehrungsreiche Leben einer Frau Mitte des 19. Jahrhunderts ausbreitet, könnten unter den Gewinnern sein. Auch die argentinische Komödie El ciudadano ilustre (The Distinguished Citizen) von Mariano Cohn und Gastón Duprat kam beim Publikum gut an.

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Ein Literaturnobelpreisträger kehrt in den Ort seiner Kindheit zurück, der für sein Werk von eminenter Bedeutung ist. Diese Ausgangssituation nutzt das Regieduo für eine gewitzte Abrechnung mit dem Machismo der Gauchos und Ansichten, die in jedem Kosmopoliten einen potenziellen Vaterlandsverräter vermuten. Doch auch der Literat hat seine ambivalenten Seiten.

Einer der Letzten im Rennen war der philippinische Regisseur Lav Diaz. Mit The Woman Who Left hat er ein mit rund vier Stunden für seine Verhältnisse kurzes und auch eher geradliniges Epos gefertigt. Eine Frau, die jahrzehntelang wegen eines Mordes im Gefängnis saß, den sie nicht begangen hatte, kommt plötzlich frei und macht sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Sohn und jenem Mann, der ihr Leben zerstört hat. Nicht nur die momentane Aktualität der Lynchjustiz auf philippinischen Straßen verleiht Lav Diaz' humanistisch beseeltem Film um Versöhnung Gewicht. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, 9.9.2016)

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