Alle Wege führen zu Haydn

9. September 2016, 15:58
1 Posting

Das Orchestra of Classical Opera eröffnete die Haydntage

Eisenstadt – Schon Joseph Haydn fühlte sich in Eisenstadt manchmal wie hinterm Mond. Heutzutage führen zwar mehrere Schienenwege von Wien in die burgenländische Kleinkapitale, doch der letzte Zug zurück fährt schon kurz nach 21 Uhr (über Sopron, mit drei Mal umsteigen). Ein Missstand, den Bundeskanzler Kern im Rahmen seines New Deals im Eilzugtempo beheben sollte.

Der ehemalige ÖBB-Chef war, genauso wie der ehemalige Bundespräsident, zu Gast beim Eröffnungskonzert der 28. Internationalen Haydntage im Schloss Esterházy und lauschte erst den Begrüßungsworten Walter Reichers. Der Burgenländer ist in etwa so lange Intendant der Haydn-Festspiele, wie Joseph Haydn aktiv im Dienst der Fürsten Esterházy stand: knapp drei Jahrzehnte.

Die Nachfolgerin von Haydns ehemaligem Dienstherrn, die Esterházy-Stiftung, hat den vom Land Burgenland und der Stadt Eisenstadt getragenen, verdienten Kulturverein jedoch außer Schlosses verwiesen und veranstaltet ab 2017 dort zu Septemberbeginn das Festival Herbst Gold. Reicher und die Haydn-Festspiele erkunden stattdessen in den Tagen davor die ländliche Umgebung von Kittsee bis Raiding und veranstalten dort die HaydnLand Tage. Spannende Zeiten.

"Haydn und Böhmen"

Völlig frei von Dissonanzen atmosphärischer Art verlief das Eröffnungskonzert im Haydn-Saal des Schlosses mit dem Orchestra of Classical Opera unter der Leitung von Ian Page. "Haydn & Böhmen" lautet das Motto, und so gab man zuerst dessen zweite Symphonie, die Haydn komponierte, als er als Twen im Dienst des böhmischen Fürsten Morzin stand. Im übersichtlichen Werk aus den späten 1750er-Jahren beweist sich der Tüftler nicht nur als souveräner Entwicklungschef der Symphonie, sondern demonstriert auch schon sein Faible für Finten und Überraschungen.

Esprit und nuancierter Klangreichtum bestimmten die Interpretation des jungen britischen Ensembles; bewegend, wie sich die Klangfarben bei den harmonischen Eintrübungen verdunkelten. Die dynamischen Spitzen, die Fortissimi hätte man sich noch etwas rauer, wuchtiger gewünscht – aber vielleicht sind die eigenen Hörgewohnheiten da zu sehr von der Musizierweise des Concentus musicus geprägt. Bei vier Arien aus Josef Mysliveceks Oper Semiramide bewiesen Ailish Tyran, Rachel Kelly, Kitty Whately und Robert Murray ihre exzeptionellen sängerischen Qualitäten.

Zum Höhepunkt des Konzertabends wurde dann die halbszenische Darstellung von Haydns Kurzoper La Canterina. Abgesehen von den musikalischen Qualitäten hat das 1766 in Eisenstadt uraufgeführte Intermezzo in Musica ein erfrischend lebendiges, kurzweiliges Libretto, bei dem man sich abpeckt und das auch noch augenzwinkernd die theatralischen Seiten des Musiktheatergeschäfts parodiert. Tyran, Kelly, Whately & Murray beeindruckten hier nicht nur mit einer geschmeidigen, virtuosen Stimmführung und endlosem Atem, sondern auch noch mit mitreißenden schauspielerischen Qualitäten. Absolutely fabulous! (Stefan Ender, 10.9.2016)

Bis 18. 9.

Link

www.haydnfestival.at

Share if you care.