Der lange Weg von A nach B auf dem Land

20. September 2016, 09:01
525 Postings

Die Bedürfnisse, was die Mobilität betrifft, gehen weit auseinander, wenn man die Situation in der Stadt mit jener auf dem Land vergleicht. Autofrei zu sein gestaltet sich abseits der Zentren oft schwierig. Das Verkehrsministerium investiert 14 Milliarden Euro in den Ausbau der Bahninfrastruktur

Wien – Wenn in den Städten um Mobilität gestritten wird, verlaufen die Konfliktlinien heutzutage meist zwischen den Auto- und den Radfahrern. Blickt man über den Tellerrand der großen Städte, sind die Probleme aber deutlich anders gelagert: Auf dem Land geht es vor allem darum, auch ohne eigenes Auto größere Distanzen zurücklegen zu können. Laut einer Studie des österreichischen Verkehrsclubs (VCÖ) haben Menschen abseits der großen Pfade damit zu kämpfen, sich aus der Abhängigkeit vom Auto lösen zu können, die Angebote des öffentlichen Verkehrs erlauben meist keine flexible Freizeitgestaltung. Oft bieten sie auch keine Alternative für Pendler.

Ferlach in Kärnten, die südlichste Stadtgemeinde Österreichs, landete bei einem Ranking des VCÖ unter den Top Ten jener regionalen Zentren, die am schlechtesten angebunden sind. Obwohl es dort sogar eine höhere Schule gibt, gibt es keine einzige Zugverbindung. Selbst in die Landeshauptstadt gibt es, über den Tag verteilt, nur eine Handvoll direkte Busverbindungen.

Silke Bergmoser, Direktorin der örtlichen HTL, pendelt täglich von Klagenfurt nach Ferlach – mit dem Auto. "Das Angebot an öffentlichem Verkehr nach und von Ferlach ist nicht so prickelnd", meint die gebürtige Griffenerin. Nachdem Bergmoser oft Termine außerhalb hat, ist sie noch mehr auf das Auto angewiesen; mit dem Angebot des öffentlichen Verkehrs wäre dies nicht machbar. Deshalb nehmen viele Schüler der HTL das Angebot eines Internats in Anspruch, erzählt Bergmoser. Auch die meisten Kollegen würden mit dem Pkw hin- und herfahren. Nur der Bürgermeister, der pendle täglich mit den Öffis.

Regionale Zentren

Von Wien abgesehen erreichen österreichweit 97 Prozent der Bevölkerung das nächste regionale Zentrum mit dem Auto innerhalb von dreißig Minuten. Will man dasselbe mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schaffen, ist das nur mehr für 67 Prozent möglich.

Die österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK) schlägt für die Analyse der Verkehrssituation eine Definition sogenannter regionaler Zentren vor, die nicht nur Bezirkshauptstädte miteinschließt, sondern auch jene Gemeinden, die zum Beispiel über eine höhere Schule oder ein Krankenhaus verfügen. Von diesen Orten gibt es österreichweit 124, eineinhalb Millionen Menschen leben und 915.000 Menschen arbeiten dort, von denen mehr als die Hälfte aus dem Umland einpendeln. Zusätzlich machen sich 150.000 Schüler auf den Weg.

Land ist freilich nicht gleich Land: Ob man in einer kleinen Siedlung oder einer Bezirkshauptstadt wohnt, macht nicht nur bezüglich der Lebensqualität in der Gemeinde, sondern auch in puncto Erreichbarkeit einen erheblichen Unterschied.

Autofrei auf dem Land

Magdalena Langmayr pendelt zwischen Wien und dem oberösterreichischen Ansfelden bei Linz. Sie erlebt deshalb zwei ganz unterschiedliche Formen des Vorankommens. Ansfelden ist zwar ein typischer Ballungsraum, dennoch hat die 25-Jährige mit der Anbindung zu kämpfen, wenn sie nach Linz fahren möchte. Die junge Soziologin wohnt zu weit vom Bahnhof entfernt. Einen Kilometer hat sie zur nächsten Busstation, der Bus hat aber am Wochenende – gerade dann, wann sie ihn brauchen würde – zu wenig Verbindungen. "Ich würde mir wünschen, dass man auch auf dem Land auf das Auto verzichten könnte", sagt Langmayr, die mit dem Pkw innerhalb von 15 Minuten in der Landeshauptstadt wäre.

18 Prozent leben in schlecht angebundenen Siedlungen mit weniger als 250 Menschen. Wenn es nach dem VCÖ geht, braucht es Zentren, die besser mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen werden können. "Ziel ist, so viel Verkehr wie möglich von der Straße auf die Schiene zu bringen", sagt Sprecherin Elisabeth Mitterhuber aus dem Verkehrsministerium.

14 Milliarden Euro werden in den kommenden Jahren in die Bahninfrastruktur investiert. Eine Mobilitätsgarantie, die der VCÖ fordert, wird es jedoch nicht geben: Aus dem Verkehrsministerium heißt es, man setze auf Mindeststandards, auf die sich Ministerium und Bundesländer geeinigt haben. Diese sollen sicherstellen, dass auch die Bevölkerung in den ländlichen Regionen verlässlich in die nächste Stadt kommt. (Vanessa Gaigg, 20.9.2016)

  • Endstation: Gerade auf dem Land besteht oft Aufholbedarf in Sachen öffentlicher Verkehr. Fehlende Anbindungen an das Öffi-Netz und lange Wartezeiten machen autofreies Fortkommen schwierig und wenig komfortabel.
    foto: apa/tröscher

    Endstation: Gerade auf dem Land besteht oft Aufholbedarf in Sachen öffentlicher Verkehr. Fehlende Anbindungen an das Öffi-Netz und lange Wartezeiten machen autofreies Fortkommen schwierig und wenig komfortabel.

Share if you care.