Julya Rabinowich: Reisezeit mit Zeitreisen

9. September 2016, 17:00
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Zurück bleibt nur die Erinnerung an den Geschmack sowjetischen Kindersektes, mit dem wir während der Weißen Nächte anstoßen durften

Als ich meine Geburtsstadt mit sieben Jahren verließ, verließ ich eine UdSSR, die unüberwindbar schien. Danach riss der Kontakt mit allem, was mir bis dahin bekannt war, für eine lange Zeit ab. Dann kam Gorbatschow und alles war anders.

Als der Eiserne Vorhang beiseitegeschoben wurde so wie meine Ängste vor einem plötzlichen Wiedersehen, machte ich mich, nun volljährig, erneut auf den Weg. Ich brach aus Wien auf und kam in Leningrad an, das gerade heftig von der Perestrojka geschüttelt wurde. Politische Witze erzählte man plötzlich nicht mehr hinter vorgehaltener Hand. Die älteren Semester waren immer noch misstrauisch, zu oft hatte man ihnen eine strahlende Zukunft versprochen. Die jüngeren begeisterten sich für die Scorpions mit ihrem Wind of Change.

Als ich nach 1991 wiederkehrte, hatte sich die Stadt erneut gewandelt. Gorbatschow war Geschichte, Jelzin übernahm. Leningrad fiel. Und St. Petersburg kehrte zurück. Die Stadt, von Peter dem Großen mitten ins Sumpfgebiet hineingestanzt als Beweis seines Herrschaftsanspruchs, änderte ihren Namen nun schon zum vierten Mal.

Ich ging, meine ehemalige Leibspeise – ein krapfenähnliches Gebäck namens Pyschka – kauend, durch den unglaublich breiten Newskiprospekt und versuchte immer noch, meine Kindheit an konkreten Orten zu lokalisieren, die mir fremd geworden waren. Alles war fremd, nur die Weißen Nächte nicht.

Sie fehlen mir in Wien immer noch. Ein bestimmter Rosaton, in Wien so rasend schnell verflogen, hält sich in Leningrad, St. Pietersburch, Petrograd, St. Petersburg zur Sommersonnenwende über Wochen. Ich sehe im dritten Bezirk in den Himmel, versuche, das Verlöschen aufzuhalten, aber es nützt nichts, das Rosa wechselt ins Violett und dann in dunkles Blau. Zurück bleibt nur die Erinnerung an den Geschmack sowjetischen Kindersektes, mit dem wir während der Weißen Nächte anstoßen durften. (Julya Rabinowich, 10.9.2016)

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