Atomwaffenforscher: Nordkorea geht es nicht nur um Machtdemonstration

Interview9. September 2016, 14:52
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Der Niederländer Ferenc Dalnoki-Veress hält Sorge über Pjöngjangs Atomambitionen für berechtigt

STANDARD: Laut Medienberichten handelt es sich um die bisher stärkste der von Nordkorea durchgeführten Atomexplosionen. Wie wird das gemessen?

Dalnoki-Veress: Anhand des seismischen Signals, das die Erschütterung aufzeichnet, die eine solche unterirdische Explosion auslöst. 25 Stationen auf der ganzen Welt haben etwa diese registriert. Dadurch lassen sich drei ziemlich akkurate Punkte festlegen, zwischen denen das Ereignis stattgefunden haben muss. Weil die Vibrationswellen unterschiedlich aussehen, können die Messstationen zwischen einem Atomtest und einem Erdbeben unterscheiden. Viel schwieriger ist es, herauszufinden, welche Art von Atomtest stattgefunden hat.

foto: ap photo/ahn young-joon
Das Epizentrum der Erschütterung liegt in dem nordkoreanischen Atomwaffentestgebiet.

STANDARD: Wie geht man da vor, schließlich finden die Tests ja unterirdisch statt?

Dalnoki-Veress: Oberirdische Tests mit großen Atompilzen, wie wir sie von früher kennen, gibt es seit Jahren nicht mehr. Dass die Tests heute nur mehr unterirdisch stattfinden, ist einerseits gut, weil so das radioaktive Material nicht an die Oberfläche gelangt. Andererseits wissen wir so eben auch nicht genau, was passiert ist. Nur wenn die bei der Explosion freigesetzten Gase an die Erdoberfläche gelangen, kann man anhand ihrer Zusammensetzung feststellen, ob es sich etwa um eine Bombe aus Uran oder eine aus Plutonium handelt. Das muss innerhalb eines Tages passieren, weil diese Isotope schnell zerfallen. Das Problem ist, dass die Nordkoreaner mittlerweile schon ziemlich gut darin sind, die Gase im Boden einzuschließen.

STANDARD: Heißt das, dass bei den nordkoreanischen Atomtests die Umgebung nicht verstrahlt wird?

Dalnoki-Veress: Doch, zumindest theoretisch in Form der Gase. Das kann passieren, wenn es zu einer Belüftung kommt, dazu muss aber während des Tests etwas schiefgehen. Meiner Ansicht nach ist man in Nordkorea mittlerweile imstande, das ziemlich effektiv zu verhindern.

STANDARD: Weiß man, über wie viel spaltbares Material das Regime nach fünf Atomtests noch verfügt?

Dalnoki-Veress: Konkrete Zahlen sind kaum bekannt, wir haben aber gute Hinweise. Uran etwa muss in Zentrifugen angereichert werden und wir wissen, dass Nordkorea solche Fabriken besitzt. Und wir wissen ungefähr, wie viele Reaktoren es gibt, und können daher schätzen, wie viel Plutonium sie produzieren. Ich gehe davon aus, dass Nordkorea auch hoch angereichertes Uran herstellt. Es geht aber gar nicht so sehr darum, über wie viel spaltbares Material das Regime verfügt, sondern darum, wie fortgeschritten das Design seiner Sprengköpfe ist.

foto: afp photo / kcna / kns
Dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un (li.) geht es nach Ansicht von Ferenc Dalnoki-Veress um mehr als bloß Symbolik.

STANDARD: Was heißt das? Laut dem südkoreanischen Verteidigungsministerium wurde eine Detonationsstärke von rund zehn Kilotonnen gemessen. Das ist wenig im Vergleich etwa zu der US-Atombombe, die 1945 Hiroshima verwüstete.

Dalnoki-Veress: Ich glaube nicht, dass sie bereits ihr Maximum erreicht haben. Das hängt vor allem von ihrem strategischen Ziel ab, das wir nicht wirklich kennen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Nordkorea derzeit an der Herstellung sogenannter geboosteter Spaltbomben arbeitet. Mittels zweier Gase, Deuterium und Tritium, kann die Effizienz der Bombe stark gesteigert werden, ohne so viel Uran oder Plutonium zu benötigen wie bei älteren Modellen. Zudem scheint man in puncto Miniaturisierung schon recht weit zu sein. Das Regime will so kleine Atomsprengköpfe wie möglich herstellen, um sie auf Raketen installieren zu können.

STANDARD: Geht es Nordkorea mit seinen Tests also nicht nur um eine Machtdemonstration, sondern tatsächlich um die Weiterentwicklung seines Atomarsenals?

Dalnoki-Veress: Wir spekulieren jetzt natürlich, aber mein Eindruck ist, dass Nordkorea nun testet, um danach in die Massenproduktion von Atomwaffen überzugehen. Dem Regime geht es nicht mehr nur darum, der Welt seine Stärke zu zeigen. (Florian Niederndorfer, 9.9.2016)

Der Niederländer Ferenc Dalnoki-Veress (47) forscht und unterrichtet am James Martin Center for Proliferation Studies im kalifornischen Monterey. Link: Siegfried S. Hecker, Ex-Direktor des Atomforschungszentrums Los Alamos, im derStandard.at-Interview von 2009 über den nordkoreanischen Atomtest
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