"Die Nacht von Rom": Schwärzer noch als schwarz

9. September 2016, 12:07
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De Cataldo und Bonini brauchen in ihrem neuen Thriller nicht viel erfinden

Der Bürgermeister soll wegintrigiert werden und einer Frau Platz machen. Müllberge, Straßenschlachten und jahrzehntelange Verzögerungen beim U-Bahn-Bau als Druckmittel der Mafia. Menschen sterben, andere verschwinden. Und auch die Kirche hat ihre Hände im Spiel ...

Fiktion? Ganz und gar nicht. Es ist die echte, authentische Stadt, die Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini zum Schauplatz ihres neuen Mafiathrillers Die Nacht von Rom machen. Da sind sie wieder: der schmierige Politiker Temistocle Malgradi, der eiskalte Boss Samurai, sein eleganter Statthalter Sebastiano de Laurenti. Alles noch schwärzer als im Vorgänger Suburra. Immerhin wechselt das Milieu: Wir verlassen die Vorstädte und dringen ein ins Herz der Stadt, in den Palazzo des Bürgermeisters und in den Vatikan.

Wie schon bei Suburra handelt es sich bei Die Nacht von Rom um eine Instant Novel; um einen Roman also, der reale, tagesaktuelle Bezüge erkennen lässt; so wirklichkeitsnah geschildert, dass man mitunter Mühe hat, Fiktion von Realität zu unterscheiden: Hier ist ganz wenig frei erfunden, aber sehr viel genau recherchiert.

Alles dreht sich um das im März 2015 von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr der Barmherzigkeit; doch heilig ist der Mafia nur das Business: Millionen von Pilgern, Gastgewerbe, Hotellerie, öffentlicher Verkehr und Sicherheit: In jeder Nische will die Mafia Geschäfte machen – und überall hält die Politik ihre Hand auf. Kommt Ihnen bekannt vor? Tatsächlich? Woher bloß?

Wie im Königsdrama

Wunderbar zeichnen De Cataldo und Bonini – im Hauptberuf Richter der eine, Journalist der andere – ins Moderne übertragene Shakespeare-Charaktere: der König als selbstherrlicher Bürgermeister; der Verräter als angeblich selbstloser Vertrauter; die perfide Thronprätendentin als zielstrebige Stadträtin; der Bandit als eleganter Mafioso, heil- und kopflos der Stadträtin verfallen; dann der Hofstaat: Einflüsterer, Parvenüs, gedungene Brandstifter und Mörder. Schauplatz: das glatte Parkett des römischen Kapitols. Stimmig.

Bloß da und dort merkt man dem exzellent von Karin Fleischanderl übersetzten Buch an, dass es offenbar – Instant Novel eben – in Eile geschrieben wurde: Da verliert sich ein vermeintlich wichtiger Handlungsstrang im Nichts, dort hätte ein Protagonist noch ein schärferes Profil vertragen.

Egal: De Cataldo und Bonini brillieren durch ihre feste Verwurzelung mit der Realität. Dabei haben sie gleichzeitig genug Fantasie und Mut, um ihrer Story Tempo und Dynamik zu geben. Dieses Buch schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Schließlich gilt es die Mutter aller Cliffhanger aufzulösen. Und Samurai, der Boss der Bosse, besteht sicher noch auf ein würdiges Comeback, um endlich wieder für Ordnung – freilich nur in seinem Sinne – zu sorgen. (Gianluca Wallisch, 10.9.2016)

Giancarlo De Cataldo / Carlo Bonini, "Die Nacht von Rom". Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. € 24,- / 320 Seiten. Folio Wien/Bozen

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