Hoerbiger: Zehn Schritte vom Arbeiter zum Chef

Ansichtssache12. September 2016, 09:00
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Das Betriebsgebäude Hoerbiger in der Seestadt Aspern in Wien ist nicht nur neu, sondern auch neuartig: Forschung, Entwicklung, Produktion und Verwaltung sind unter einem Dach. Das soll die Kommunikation und letztendlich auch die Effizienz fördern.

foto: hoerbiger

Im Foyer läuft ein lautstarkes Filmchen über das Imperium Hoerbiger. Begonnen hat alles 1895, lernt man da, mit einem innovativen Stahlplattenventil, das sich Urvater Hanns Hörbiger patentieren ließ und mit dessen Lizenzen er sich ein Fundament aufbauen konnte. 120 Jahre später zählt das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zu den bedeutendsten Produzenten im Bereich der Hydraulik sowie der Kompressor- und Antriebstechnik.

Hinter den drehbaren Screens mit dem imposant animierten PR-Film, der die ganze Eingangshalle in einen elektronischen Klangteppich hüllt, gibt es ein paar schmale, lange Fenster, durch die man direkt in die Musterwerkstatt hineinblicken kann. Die CNC-Fräsen und Spritzgussmaschinen hinter der Glasscheibe dienen nicht nur dem Experiment und der Entwicklung von Komponenten, sondern auch der Serienproduktion.

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foto: moocon / walter oberbramberger

"Einen besseren Synergieeffekt kann man sich nicht vorstellen", sagt Peter Steinrück, Head of Business-Development und Projektleiter des neuen Hoerbiger-Standorts in der Seestadt Aspern in Wien. "Genau das war auch die Idee dieses Gebäudes. Wir wollten Forschung und Entwicklung, Produktion und Verwaltung an einem einzigen Ort zusammenführen und die Menschen auf diese Weise ins Gespräch bringen."

Gerade in solch großen Unternehmen, so Steinrück, wisse die linke Hand oft nicht, was die rechte tut. Hier jedoch laufe man sich tagtäglich über den Weg: Arbeiter, Handwerker, Büroangestellte und Vorstandsmitglieder der Holding, 500 Mitarbeiter insgesamt. Ganz anders übrigens, als am alten Standort in Wien-Simmering, wo Verwaltung und Produktion durch eine öffentliche Straße voneinander getrennt waren.

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foto: moocon / walter oberbramberger

"Die Zusammenführung von Kopf und Hand war uns daher besonders wichtig", sagt der Hoerbiger-Chef. "Nach dem passenden Grundstück haben wir lange Zeit gesucht." Der Wiener Organisations- und Strategieberater M.O.O.CON war in dieser Phase in die Entwicklung und Ausrichtung des Projekts stark eingebunden und begleitete sogar den international ausgeschriebenen Architekturwettbewerb. Auf Platz drei landete der Pariser Architekt Dietmar Feichtinger, den zweiten Platz belegten ATP Architekten Ingenieure, der Sieg ging schließlich an das Wiener Büro querkraft.

"Für uns war das höchste Ziel, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen", erklärt Jakob Dunkl von querkraft architekten. Man steht vor dem neuen Haus und erkennt nicht, wo die Büros liegen und wo die Fabrikhallen untergebracht sind. "Ja, das war Absicht. Das gesamte Haus ist einheitlich gestaltet und mit einer durchgehenden Bandfassade umwickelt. Dadurch haben nicht nur die Büroleute, sondern auch die Fabrikarbeiter einen ungehinderten Ausblick ins Freie. Das ist in dieser Sparte keine Selbstverständlichkeit."

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12.000 Quadratmeter Nutzfläche entfallen auf die Verwaltung, weitere 12.000 auf die Produktion. Damit ist die Gesamtfläche – bei gestiegener Effizienz – sogar kleiner als am alten Standort in Simmering. Sollte der Flächenbedarf eines Tages steigen, hat sich Hoerbiger bei der zuständigen Betreibergesellschaft Wien 3420 Aspern Development AG ein Vorkaufsrecht am benachbarten Grundstück gesichert.

Das Filmchen ist zu Ende. Es ist wieder still im Foyer. Rundum dominieren die Farben Weiß, Grau und Silber. Letzteres ist vor allem den galvanisierten Stahlbauteilen zu verdanken, die im gesamten Gebäude immer wieder aufblitzen: an Stiegen, Geländern, Trittpodesten und von der Decke abgehängten Zugstangen, an denen die Stege und Korridore baumeln. Vor allem im Produktionsbereich ist davon viel zu sehen. Die grobe, industrielle Behandlung, meint Dunkl, passe durchaus ins Konzept eines solchen Unternehmens, das sich auf die Produktion von performancebestimmten Metallteilen spezialisiert hat.

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Bloß in den Büros und auf den Freiflächen traute sich der Vorstand, in den Farbtopf zu greifen. Während die Büros mit neongrünen Büromöbeln und lavendelfarbenen Sitzgelegenheiten bestückt sind, schimmern durch die großen Glasflächen auf der Dachterrasse und in der Betriebskantine immer wieder Farne, Thymian, Chinaschilf, Erdbeeren und Hortensien in den Raum. Die Freiraumgestaltung auf dem Vorplatz, im Innenhof und auf der frei zugänglichen Mitarbeiterterrasse im ersten Stock stammt von der Wiener Landschaftsarchitektin Doris Haidvogl.

Mit knapp 30 Millionen Euro Gesamtbaukosten (1200 Euro pro Quadratmeter) musste der Bau überaus straff gestaltet werden. "Kein Gramm Fett", wie Dunkl dies ausdrückt. Auf Oberflächenveredelungen wurde verzichtet, statt der ursprünglich geplanten Holz-Alu-Fenster wurde auf herkömmliche Kunststofffenster umgesattelt, und Stemmarbeiten im Rohbau waren ein Tabu. Die gesamte Technik ist sichtbar geführt. Die kabellosen Lichtschalter verfügen über eine Batterie und kommunizieren mit der Lichtquelle über Funk. Auf diese Weise konnte viel Geld eingespart werden.

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foto: moocon / walter oberbramberger

"Mit dem Abschluss des Projekts feiern wir nicht nur die erste Industrieansiedlung in der Seestadt Aspern, sondern auch ein Vorzeigeprojekt in puncto Raum für Innovation", meint Martin Käfer, Senior Consultant und Projektleiter bei M.O.O.CON. Damit folgt Hoerbiger dem weltweiten Trend des sogenannten Urban Manufacturing – also der Rückkehr des produzierenden Gewerbes in die Stadt.

"Urban Manufacturing klingt toll, aber ich würde den Begriff nicht überbewerten", meint Hoerbiger-Chef Peter Steinrück. "Tatsächlich handelt es sich einfach nur um die Ansiedelung von Produktionsstätten in der Stadt. Nichts anderes als das, was wir schon in der Gründerzeitstadt um 1900 gemacht haben, nur geben wir dem heute einen neuen Namen."

Vom Vorstandsbüro in die Fabrikhalle sind es nur wenige Schritte. Sicherheitsschuhe mit Stahlkappe müssen angezogen werden. Das ist Vorschrift. So will es der Arbeitsinspektor. Und schon steht man inmitten klackernder, bohrender, drillender Maschinen. (Wojciech Czaja, 12.9.2016)

Am Montag, dem 19. September 2016, findet bei Hoerbiger das On-Stage-Seminar "Hoerbiger: Das Projekt in Wien Aspern", eine Kooperationsveranstaltung von M.O.O.CON, Überbau Akademie, Überall Scene und Plattform für Innovationsmanagement (PFI), statt. Seestadtstraße 25, 1220 Wien. Ab 16 Uhr.

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