15 Jahre "9/11": Die Reste der Türme

9. September 2016, 11:59
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In seinem neuen Buch "Als es geschah" hat der Schriftsteller Reinhard Wegerth sechzehn Prosastücke versammelt, die alle von Katastrophen in friedlicher Umgebung handeln. Der folgende Text erinnert an das Attentat vom 11. September 2001, das sich heuer zum fünfzehnten Mal jährt. Ein Vorabdruck

11. September 2001, New York (USA)

Heute vereint als staubiger Schuttberg, Dutzende Meter hoch, von der Fläche mehrerer Football-Felder, ein Fall für Bulldozer, Kräne und Grabungsarbeiter – doch noch vor wenigen Tagen standen wir aufrecht nebeneinander, die höchsten Bürogebäude der Stadt, mit schimmernden Glasfassaden, dann plötzlich der Einsturz, Zusammenbruch.

Ursache nicht wie früher üblich ein Wrecking Ball, keine Abrissbirne pendelte gegen den neunzigsten Stock, kein Seilbagger hoch genug, keine Stahlkugel massig genug. Ursache auch nicht wie heute üblich kontrollierte Teilsprengungen, Abtragung stufenweise, Sortentrennung der Stoffe, Recycling: Wir zwei Türme, ja erst dreißig Jahre alt, zwar nicht mehr die höchsten der Welt, aber noch immer der Stadt und Arbeitsort tausender Menschen.

Ein staubiger Schuttberg aus Betontrümmern, Stahlteilen, Glasscherben, Plastik, außerdem unzähligen Körperteilen, ahnte ja keiner vor ein paar Tagen, wir standen noch aufrecht nebeneinander, die höchsten Bürogebäude der Stadt, etwas vom plötzlichen Einsturz, Zusammenbruch. Ursache ein Flugzeug, flog im 90. Stock gegen den Ersten von uns, die schimmernde Glasfassade des Nordturms. Sah zunächst aus wie ein Unfall: technische Probleme an Bord, ein Steuerversagen? – War aber kein Unfall, wie man heute weiß, gab keine technischen Probleme an Bord, kein Steuerversagen, gab einen Pilotenwechsel, gewaltsam, war eine Entführung, durch fünf Männer insgesamt, als Passagiere an Bord gegangen.

Der neue Pilot trug eine metallene Kapsel, einen Anhänger an einem Kettchen um seinen Hals, darin ein arabischer Text, geistliche Anleitung möglicherweise, inzwischen weitere Exemplare bekannt. Die fünf Männer töteten die Besatzung im Cockpit, hauten ein auf ihre Hälse und Finger wie in der geistlichen Anleitung gefordert, schreckten die Passagiere in der Kabine durch Ausrufen religiöser Formeln, flogen das Flugzeug absichtlich in den 90. Stock der schimmernden Glasfassade des Ersten von uns.

Sah aus wie ein Unfall

Sah zunächst aus wie ein Unfall, wenn auch nur für eine Viertelstunde, wurden deshalb zunächst zwar die Menschen im Nordturm aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, ihr Leben zu retten, die des Zweiten von uns, des gleich hohen Südturms, aber aufgefordert zum Bleiben in ihren Büros. Die Menschen im Nordturm freilich nur teilweise in der Lage, das Gebäude zu verlassen, ihr Leben zu retten: Das Flugzeug, steckend im neunzigsten Stock, hatte sofort zu brennen begonnen, feuriges Kerosin rann, wie man heute weiß, durch die Aufzugsschächte nach unten, brannte nach oben, es schmolzen die Plastikmöbel in den Büros, es barsten die Panoramafenster, eine Zeitlang noch winkten Menschen vergeblich hinaus.

Auch die Entführer natürlich verbrannt, als einige der Ersten, der neue Pilot verlor dabei die metallene Kapsel, das Kettchen des Anhängers riss, der arabische Text darin, die geistliche Anleitung möglicherweise, inzwischen weitere Exemplare bekannt, enthielt vielleicht die Erklärung, warum sie den Tod nicht fürchteten: Die Paradiesgärten seien bereits für sie geschmückt, heißt es darin, die Paradiesjungfrauen riefen bereits nach ihnen. Enthielt aber keine Erklärung, warum die Entführer, fünf Männer, die Besatzung im Cockpit töteten, einhauten auf ihre Hälse und Finger, die Passagiere in der Kabine schreckten durch Ausrufen religiöser Formeln, das Flugzeug absichtlich in den 90. Stock des Ersten von uns, des Nordturms, flogen.

Uns beiden, einst aufrecht nebeneinander mit schimmernden Glasfassaden, heute vereint als staubiger Schuttberg, ein Fall für Bulldozer, Kräne und Grabungsarbeiter, kann sowieso kein Erklärungsversuch genügen, den Verwandten der Toten kann sowieso kein Erklärungsversuch genügen. Hätten wir einen menschlichen Mund, wir würden, mit vom Staub knirschenden Zähnen sagen: Dieser Erklärungsversuch genügt nicht! Wegen der militärischen Überlegenheit der Amerikaner? – Genügt nicht! Wegen ihrer kolonialen Bestrebungen in der arabischen Welt? – Genügt nicht! Wegen ihrer unfairen Nahostpolitik? – Genügt nicht!

Brennende Menschen

Eine Viertelstunde, nachdem die Entführer das Flugzeug in den 90. Stock des Ersten von uns, des Nordturms flogen, flogen fünf weitere Entführer ein zweites Flugzeug in den 90. Stock des Zweiten von uns, des Südturms. Sah jetzt nicht mehr aus wie ein Unfall, technische Probleme an Bord, ein Steuerversagen. Sah jetzt eindeutig aus wie ein doppeltes Attentat, Zwillingsangriff auf uns, einst Zwillingstürme genannt, die höchsten Bürogebäude der Stadt.

Doch noch war es nicht so weit, noch nicht der Einsturz, Zusammenbruch: Es war Feuer um uns und Rauch, doch noch standen wir nebeneinander, die einst schimmernden Glasfassaden zwar teilweise geborsten, die Aufzüge innen zwar nicht mehr benutzbar; doch noch waren die Menschen im Nordturm und jetzt auch im Südturm, aufgefordert, uns zu verlassen, ihr Leben zu retten, teilweise dazu in der Lage, freilich nur aus den Stockwerken unter dem doppelten Attentat. In den Stockwerken darüber verbrannten bereits hunderte Menschen oder winkten vergeblich hinaus, sprangen aus den geborstenen Fenstern. Und noch gingen unten, ebenerdig, Ground Zero, hunderte zusätzliche Menschen hinein, Rettungsleute, Feuerwehrmänner, Leben zu retten, teilweise dazu in der Lage, solange wir noch nebeneinander standen, bevor es dann so weit war, der Zusammenbruch kam.

Im Ersten von uns, im Nordturm, fiel inzwischen die metallene Kapsel, das Kettchen des Anhängers war gerissen, vom Hals des verbrannten Piloten in einen Bach Kerosins, schwamm darin zu einem Aufzugsschacht, blieb aber an der Tür stecken, im 90. Stock, in dem auch die Reste des Flugzeugs steckten. Hätte die metallene Kapsel einen menschlichen Mund gehabt, hätte sie wohl geschwiegen, weil mit Ascheflocken gefüllt, weil der arabische Text, die geistliche Anleitung möglicherweise, durch die Hitze verglost, das Papier durch Selbstentzündung verbrannt, aber inzwischen weitere Exemplare bekannt.

Im 90. Stock der Türme

Die Hitze im 90. Stock und darüber ja schon weit über den Fahrenheit-Graden nötig für so eine Selbstentzündung, auch in den Stockwerken unter dem doppelten Attentat, durch das brennende Kerosin, die geschmolzenen Plastikmöbel in den Büros, allmählich weit darüber, aber noch unter dem Schmelzpunkt von Stahl; aus Stahl zum Glück unser Skelett, unser Gerippe, das tragende Element. Dieses freilich im 90. Stock beider von uns, des Nord- und des Südturms, schon teilweise durchbrochen, durchtrennt von den Flugzeugen, ihren Tragflächen, auch die Böden im neunzigsten Stock nicht konstruiert für das Gewicht von Verkehrsflugzeugen.

Bald hatten deshalb die Stockwerke über dem doppelten Attentat, hunderte Menschen dort schon verbrannt oder aus den geborstenen Fenstern gesprungen, keine tragende Basis mehr. Der zweite von uns, der Südturm, als zweiter getroffen, stürzte als erster ein, der Erste von uns, der Nordturm, als Erster getroffen, als Zweiter, in ihm die metallene Kapsel. Sah jetzt fast aus wie kontrollierte Teilsprengungen: Unsere Stockwerke brachen geschoßweise ein, von oben nach unten, fielen senkrecht zusammen, rissen auch unser Skelett, unser Gerippe aus Stahl, das tragende Element mit, bis es dann so weit war: Noch vor wenigen Tagen aufrecht nebeneinander, jetzt plötzlich vereint als staubiger Schuttberg.

Und im Nachhinein doch eine Art Sortentrennung, Recycling: Nach dem Aufräumen, wird wohl Monate dauern, nach dem Wegführen mit Karawanen von Lastkraftwagen wird man uns sorgsam durchsieben, wird weitere Monate dauern, auf einer Deponie für Bauschutt. Getrennt von Betontrümmern, Glasscherben, Plastik, sind die Körperteile, sind ja fast dreitausend Menschen, wie man heute weiß, nicht in der Lage gewesen, uns zu verlassen, ihr Leben zu retten. Wird wohl weitere Monate dauern, sie zu identifizieren: die, die schon vor dem Attentat drinnen waren, über und unter dem 90. Stock; die, die beim Attentat eindrangen, im neunzigsten Stock mit dem Flugzeug; die, die erst nachher hineingingen, ebenerdig, Ground Zero.

Eingeschmolzen zum Bau eines Schiffes

Getrennt von Betontrümmern, Glasscherben, Plastik, wird auch unser Skelett, unser Gerippe, das tragende Element: Die recyclebaren Reste aus Stahl, mehrere Tonnen, verbogen, zerbrochen, doch nicht geschmolzen, weil die Hitze noch unter dem Schmelzpunkt, werden für eine Wiederverwertung, eine stählerne Antwort vielleicht auf die Attentate, gerettet. Größere Stücke zumeist, doch auch ein kleineres Stück dabei, drang ein mit dem Flugzeug: die metallene Kapsel vom Hals des verbrannten Piloten, mit dem 90. Stock nach Ground Zero gestürzt, verbogen, zerkratzt, doch nicht geschmolzen, verglost nur ihr Inhalt, der arabische Text, geistliche Anleitung möglicherweise.

Die Reste aus Stahl, auch die metallene Kapsel sollen danach, so heißt es, einer noch größeren Hitze ausgesetzt werden, in Hochöfen, über dem Schmelzpunkt, zwecks Wiederverwertung, Recycling, zwecks Antwort auch auf die Attentate: eingeschmolzen zum Bau eines Schiffes, geschmiedet zu einem stählernen Rumpf. Dieses Schiff soll, so heißt es, mit anderen Kriegsschiffen, Flugzeugträgern Kurs auf arabische Länder nehmen, eine Heimführung für die metallene Kapsel, ein zweiter Einsatz mit gleichem Ziel: Schuttberge aus Betontrümmern, Stahlteilen, Glasscherben, Plastik, außerdem Körperteilen – Fälle für dortige Bulldozer, Kräne und Grabungsarbeiter. (Reinhard Wegerth, 10.9.2016)

Reinhard Wegerth, "Als es geschah. Stimmenberichte", € 18,- / 122 Seiten, Sisyphus 2016

  • "Sah jetzt nicht mehr aus wie ein Unfall, technische Probleme an Bord, ein Steuerversagen. Sah jetzt eindeutig aus wie ein doppeltes Attentat, Zwillingsangriff auf uns ..."
    foto: illustration: karl berger

    "Sah jetzt nicht mehr aus wie ein Unfall, technische Probleme an Bord, ein Steuerversagen. Sah jetzt eindeutig aus wie ein doppeltes Attentat, Zwillingsangriff auf uns ..."

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