"Curated by_vienna": Vom Vatermord zur Hommage

9. September 2016, 11:26
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Das Galerienfestival curated by_vienna geht in die achte Runde. Den kuratorischen Impuls für das 19 Ausstellungen umfassende Projekt lieferte dieses Jahr der Kulturwissenschafter Diedrich Diederichsen

Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht heißt jener Aufsatz von Diedrich Diederichsen, der dieses Jahr das Hauptkonzept für curated by_vienna geliefert hat. Um Fragen der Migration geht es in dem 19 Wiener Galerien umfassenden Ausstellungsfestival (zunächst) aber nicht.

Was Diederichsen zur Debatte stellt, sind Beobachtungen, die er als Kunstkritiker und Hochschullehrer zu aktuellen Tendenzen in der Kunst gemacht hat: Um der avantgardistischen "Erneuerungspflicht" nachzukommen, sei nicht mehr der Bruch mit der Tradition wichtig, sondern – im Gegenteil – die ganz bewusste Einbettung der eigenen Arbeit in eine (Kunst-) Geschichte, die man sich aus medienspezifischen, politischen oder persönlichen Gründen selbst ausgesucht hat. Belegt sieht Diederichsen die These von der Verschiebung weg vom Vatermord, hin zur Hommage, vom verstärkten Aufkommen von Zitaten und Bezugnahmen, mit denen Gegenwartskünstler auf erfundene oder auch reale "Adoptiv-(Groß-)eltern" verweisen.

Feministische Kunst noch relevant?

Auf wenig bekannte "Adoptiv-Großmütter" greift im Raum für Licht die isländische Kuratorin Æsa Sigurjónsdóttir zurück: Sie stellt feministische Arbeiten von Geta Brátescu, Ludmila Rusava und Róska jüngsten Arbeiten von Karin Fisslthaler und Olena Newkryta gegenüber.

Inwiefern Positionen der feministischen Avantgarde heute noch relevant sind, soll sich dort unter dem Titel Feckless und Hotheaded zeigen, während Cosima von Bonin die emanzipatorischen Errungenschaften selbstverständlicher einsetzt: Enough Romance. Let's Fuck titelt ihre "Party" in der Galerie Senn, zu der sie Überväter wie Martin Kippenberger ebenso eingeladen hat wie Künstlerin Nina Könnemann oder die Musiker Dirk von Lowtzow und Róisín Murphy.

Das passt exzellent zur Biografie des als Poptheoretiker bekannt gewordenen Diederichsen. Sein lesenswertes Thesenpapier hat aber noch weitere Anknüpfungspunkte möglich gemacht: Schließlich gehe mit der ausgedachten künstlerischen Herkunft – meist westlicher Künstler – auch die Beschäftigung mit der tatsächlichen Geschichte oft marginalisierter Positionen einher.

Bei curated by wird man diesen Befund nun insofern überprüfen können, als man erfreulicherweise viele nichteuropäische Positionen versammelt hat: In den Krinzinger Projekten widmet sich die in Indien lebende Kuratorin Diana Campbell Betancourt der globalisierungskritischen Kunst Bangladeschs, Ernst Hilger präsentiert "Perspektiven der kubanischen bildenden Kunst", und bei Mario Mauroner thematisiert Kurator Luigi Fassi den derzeit wiedererstarkenden Eurozentrismus.

Am Politischen kamen – Konzept hin oder her – die Kuratoren nach einem Jahr "europäischer Desintegration" (Pressetext Kargl) ohnehin nicht wirklich vorbei: Sei es, dass man in der Galerie Engholm "widerständige Positionen" aus dem lateinamerikanischen Raum der 1960er-Jahre präsentiert – oder wie die Galerien Kargl und Janda mit Kältemetaphern nah ans Tagespolitische heranführt: Winter is Coming (Homage to the Future) verspricht bei Kargl einen vom Punk inspirierten Blick in die Zukunft. Und bei Janda machen die Künstler ihrem Unbehagen über das aktuelle Weltgeschehen unter dem Titel The Winter of our Discontent Luft. (Christa Benzer, 10.9.2016)

Bis 15.10.

diverse Galerien

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curatedby

  • Ein Papierobjekt aus Karin Fisslthalers Serie "Kristall", in der sich die Künstlerin mit Rhythmus, Körpersprache und stummer Kommunikation beschäftigt.
    galerie raum mit licht

    Ein Papierobjekt aus Karin Fisslthalers Serie "Kristall", in der sich die Künstlerin mit Rhythmus, Körpersprache und stummer Kommunikation beschäftigt.

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