"Valley" im Test: Mit Highspeed durchs Naturparadies

9. September 2016, 10:09
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Ein kleines, feines First-Person-Abenteuer mit Ambition

Vor vier Jahren versetzte ein Horrorphänomen aus den Tiefen des Internet auch die Spielewelt in Aufregung: "Slender – The Eight Pages" war der Name des kostenlosen Indie-Schockers, der durch seine originelle Spielmechanik für einen regelrechten Boom im bis dahin lange stagnierenden Horrorgenre sorgte. Statt Angriff war Flucht gefragt, statt Allmachtsfantasie herrschte pure Angst. Wenn die kanadischen Macher dieses Phänomens nun mit "Valley" (Windows, PS4, Xbox One, 19,99 Euro) ein neues Spiel vorlegen, darf man gespannt sein.

Die Überraschung gleich zu Beginn: Rein atmosphärisch lässt sich kaum ein größerer Gegensatz zum Horror-Erstling vorstellen. Als Archäologe in einem vergessenen Tal angekommen, sehen sich Spielerinnen und Spieler aus der First-Person-Perspektive in ein Naturidyll versetzt, das samt schmalzigem Orchestersoundtrack, herumhoppelnden Knuddelwesen und Postkartenromantik einen kitschigen Walking Simulator samt Öko-Botschaft befürchten lässt. Schon schnell zeigt sich aber, dass "Valley" im Gegensatz zu "Slender" mehr als nur einen einzigen Trick im Ärmel hat. Man könnte im Gegenteil fast sagen: Der Ärmel ist fast etwas zu klein geraten für das, was hineingestopft wird.

Mit Turboboost im Märchenwald

Dreh- und Angelpunkt des Gameplays ist nämlich der "LEAF-Suit", eine Art Exoskelett, das übermenschlich rasantes Sprinten und vor allem gewaltige Sprünge ermöglicht. Sanfte Hügel, die majestätischen Baumriesen und idyllischen Bäche werden schnell zur Nebensache, wenn der Endorphin- und Adrenalinrausch dieser Bewegungsfreiheit einsetzt – kaum einem First-Person-Spiel ist diese Freude an der Geschwindigkeit zuvor so gut gelungen. Natürlich ist der Sprint durch die Wälder nicht ziellos: Wie "Bioshock" erzählt auch "Valley" durch Audiologs, Briefe und seine Umgebungen eine Geschichte – und wie in "Bioshock" ist es eine vom Größenwahn des menschlichen Forschergeists.

Die Story um ein militärisches Experimentallabor, das die mystische Macht des Tales für Kriegszwecke missbrauchen will, führt – leider viel zu früh – von grünen Auen in sattsam bekannte unterirdische Forschungseinrichtungen und bremst so die Freude am freien Geschwindigkeitsrausch ein wenig. Als Ausgleich überhäuft "Valley" seine Spielerinnen und Spieler in kurzen Abständen mit neuen Upgrades, die allerdings auch wegen der Kürze des First-Person-Abenteuers nur selten ihr spielerisches Potenzial entfalten dürfen. Die originelle Fähigkeit, Lebensenergie aus der Natur abzusaugen oder sie aber zurückzugeben und so etwa tote Bäume und Tiere wieder zum Leben zu erwecken, bleibt spielmechanisch etwa leider eine Randnotiz.

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Video: Trailer zu "Valley"

Kurz und gut

Übel nehmen mag man das diesem kleinen, aber überaus unterhaltsamen Spiel aber nicht. Wenn man nach etwa drei Stunden ans Ende dieser ambitionierten Achterbahn angekommen ist, locken die Hoffnung auf die Wiederholung so manchen Geschwindigkeitsrauschs ebenso wie einige sehr gut versteckte Secrets das eine oder andere Mal zurück ins Tal – schade, dass keine zusätzlichen Parcours oder Mehrspielermodi für Langzeitmotivation sorgen. Dass "Valley" seine Ideen nicht, wie sonst allzu oft üblich, auf längere Spieldauer streckt, mag man ihm bei derart unterhaltsamer Konzentriertheit auch nicht vorwerfen. (Rainer Sigl, 9.9.2016)

"Valley", erschienen für WIndows, PS4 und Xbox One. UVP: 19,99 Euro

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