Nordkorea testet erneut Atombombe

9. September 2016, 16:03
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Pjöngjang meldet erfolgreichen Test – Künstliches Erdbeben der Stärke 5,3 – Südkoreas Präsidentin beklagt "manische Rücksichtslosigkeit"

Pjöngjang/Seoul – Trotz eines internationalen Verbots hat Nordkorea allem Anschein nach zum fünften Mal eine Atombombe zu Testzwecken gezündet. Nach Angaben der südkoreanischen Regierung handelte es sich dabei um den bisher stärksten Atomwaffentest. Dabei sei ein neu entwickelter Atomsprengkopf zur Explosion gebracht worden, hieß es in dem Bericht des nordkoreanischen Fernsehens.

"Erfolgreicher Test"

Der Test habe den Beweis erbracht, dass Nordkorea in der Lage sei, einen Atomsprengkopf auf eine Trägerrakete zu montieren, berichtete die Staatsagentur KCNA. Der erneute Test fiel auf den Jahrestag der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1948.

Am Freitagmorgen hatten internationale Erdbebenwarten Erdstöße der Stärke 5,3 im Bereich des nordkoreanischen Atomtestgeländes Pyunggye-Ri registriert. Lassina Zerbo, der Vorsitzende der in Wien ansässigen Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization sprach am Freitag von Stärke 5, der Test im Jänner dieses Jahres erreichte 4,8 bis 4.9.

10 bis 30 Kilotonnen TNT

Die Sprengkraft war Experten zufolge gewaltiger als bei allen anderen Tests zuvor. Jeffrey Lewis vom Middlebury Institut Internationaler Studien in Kalifornien schätzte sie auf 20 bis 30 Kilotonnen. Südkoreas Militär ging der Nachrichtenagentur Yonhap zufolge vorerst von zehn Kilotonnen aus.

Das wäre der stärkste der bisher fünf nordkoreanischen Atomwaffentests. Die bisher heftigste Explosion war im Februar 2013 mit sechs bis neun Kilotonnen registriert worden. Die Atombombe, die 1945 über dem japanischen Hiroshima abgeworfen worden war, hatte eine Sprengkraft von rund 15 Kilotonnen.

Neue Raketen

Erst am Montag feuerte Nordkorea während des G-20-Gipfels im benachbarten China drei Raketen ab, die nach südkoreanischen Angaben bis in den japanischen Luftverteidigungsraum flogen, bevor sie ins Meer stürzten. Die neuen Raketen sind die nach dem Vorbild der aus Sowjet-Zeiten stammenden "Scud" konstruiert, weisen aber erhebliche Modifikationen auf.

foto: ap/krt
Der Raketentest am Montag

So besteht der Rumpf erstmals aus Aluminium, die Reichweite beträgt bis zu 1000 Kilometer, womit Ziele in Südkorea getroffen werden können. Bis die Nordkoreaner eine funktionierende Interkontinentalrakete bauen können, wird laut der Expertin Kelsey Davenport von der Arms Control Association aber noch bis zu einem Jahrzehnt dauern.


Japan misst Strahlung

Die japanische Regierung entsandte zwei Schulflugzeuge vom Typ Kawasaki T-4, die Luftproben entnehmen und auf Radioaktivität prüfen sollen. "Ein nordkoreanischer Atomtest ist für Japan nicht hinnehmbar", sagte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe. "Wir müssen schärfsten Protest einlegen." Nordkoreas atomare Entwicklung "wird zu einer immer schwereren Bedrohung der Sicherheit Japans und untergräbt den Frieden und die Sicherheit in der Region", sagte Abe.

Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye warf der Führung des Nordens am Freitag "manische Rücksichtslosigkeit" vor, mit der sie "ihren Weg zur Selbstzerstörung" beschleunige.

"Künstliches Erdbeben"

Die USA erklärten, ihnen lägen Informationen über seismische Vorkommnisse in Nordkorea vor, die nun geprüft würden. Die US-Erdbebenwarte USGS hatte zuvor erklärt, die gemessenen Erdstöße könnten von einer Explosion herrühren. Südkoreanische Geologen sprachen von einem "künstlichen Erdbeben", das fast identische Merkmale mit den Erdstößen bei früheren Atomwaffentests in Nordkorea aufweise.

"Ernste Konsequenzen"

US-Präsident Barack Obama hat "ernste Konsequenzen" für jede Art von Provokation des abgeschotteten Landes angekündigt. Obama habe sich zudem erneut zum Schutz der US-Verbündeten in der Region bekannt, sagte sein Sprecher Josh Earnest am Freitag an Bord des Präsidenten-Flugzeugs Air Force One. Der Präsident sei von der Nationalen Sicherheitsberaterin Susan Rice über die Vorgänge in Nordkorea informiert worden, hieß es.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat den Atomtest verurteilt. Die Beschlüsse der Vereinten Nationen zu Nordkorea müssten genau eingehalten werden, sagte er am Freitag in Genf, wie die Agentur Interfax meldete. In Moskau sagte ein Vertreter des Außenministeriums, der Test zeige, dass Sanktionen kein Allheilmittel seien. "Man muss eine Lösung für das Atomproblem auf der koreanischen Halbinsel viel breiter angehen unter aktiver Nutzung aller politisch-diplomatischen Mittel."

China für Zurückhaltung

China rief die Staatengemeinschaft zur Zurückhaltung auf. Niemand, auch nicht Nordkorea, könne ein Interesse an Chaos oder Krieg auf der Koreanischen Halbinsel haben, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Kommentar der Nachrichtenagentur Xinhua. Der Test sei zwar "nicht weise", hieß es. Allerdings habe Südkorea durch die Entscheidung zur Stationierung des US-Raketenabwehrsystems Thaad das strategische Gleichgewicht in der Region schwer beschädigt.

Das Außenministerium in Peking sprach von Chinas "entschiedenem Widerstand" gegen den unterirdischen Versuch, wie Xinhua berichtete. China dränge Nordkorea, seine Verpflichtungen für eine koreanische Halbinsel ohne Atomwaffen und für Frieden und Stabilität in Nordostasien einzuhalten. Auch müsse Pjöngjang die Resolutionen der Vereinten Nationen erfüllen und alles unterlassen, was die Situation weiter verschlechtere. China ist der wichtigste Verbündete Nordkoreas.

Auf dem Gelände Pyunggye-Ri hatte Nordkorea zuletzt im Jänner eine Atombombe gezündet. In den folgenden Monaten setzte sich das Land immer wieder mit Raketentests über ein internationales Verbot hinweg. Der UN-Sicherheitsrat hatte wegen früherer Verstöße bereits harte Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Südkoreas Präsidentin Park forderte am Freitag "noch mehr Sanktionen und noch mehr Isolation". Erstmals hatte Nordkorea 2006 eine Atombombe gezündet. (red, APA, 9.9.2016)

  • Die Erschütterung ereignete sich an demselben Ort, an dem schon im Jänner eine Atombombe getestet wurde.
    foto: apa/afp

    Die Erschütterung ereignete sich an demselben Ort, an dem schon im Jänner eine Atombombe getestet wurde.

  • Im nordkoreanischen Fernsehen wurde ein "erfolgreicher Atomwaffentest" bekanntgegeben.
    foto: reuters

    Im nordkoreanischen Fernsehen wurde ein "erfolgreicher Atomwaffentest" bekanntgegeben.

  • korean central television (조선중앙텔레비죤) - koreancentraltv1

    Nordkoreas Nachrichtensprecherin Ri Chun-Hee gibt den Atomtest bekannt.

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