Fessenheim: Radioaktives Mahnmal des Zauderns

Reportage11. September 2016, 09:00
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Hollande hat die Schließung des ältesten französischen Reaktors versprochen. Doch Frankreich kann sich nicht entscheiden

Es wäre einer schönsten Flecken der oberrheinischen Tiefebene, ein Radlerparadies mit wogenden Feldern und schmucken Dörfern voller "Winstuben" und bunten Hausfassaden, wie es hier im Elsass Brauch ist. Und doch taucht Fessenheim in den wenigsten Fremdenführern auf. Dabei wird das lokale Atomkraftwerk nicht einmal durch Kühltürme verunstaltet: Das Fließwasser des Rheinseitenkanals kühlt die Reaktoren zur Genüge.

Was allerdings auch ein Problem mit sich bringt. "Die Meiler liegen neun Meter unterhalb des Kanals", erklärt der bekannteste Fessenheim-Gegner, Atomphysiker Jean-Marie Brom, durch seinen weißen Vollbart. "Wenn die Deiche brechen, könnte es zu einer ähnlichen Überschwemmung wie in Fukushima kommen."

Damit ist auch ein weiteres Problem angesprochen: Fessenheim liegt in einer Erdbebenzone, die sich durch den Rheingraben zieht. Nicht gerade der beste Standort für ein AKW. 1977, als der Doppelreaktor von Fessenheim – als erster des 58-köpfigen AKW-Parks in Frankreich – eröffnet wurde, sah man geflissentlich darüber hinweg. Im Dorf tut man das noch heute.

"Das AKW wurde nachgerüstet, es würde sogar ein Erdbeben von 6,5 auf der Richterskala aushalten, wie es 1356 die Stadt Basel in Trümmer legte", weiß der Bürgermeister von Fessenheim, Claude Brender. "Die Hälfte der französischen Reaktoren steht in seismischen oder Überschwemmungszonen. Heute ist Fessenheim eines der sichersten Kernkraftwerke im Land. Und eines der rentabelsten", fügt der joviale Ortsvorsteher an. "Die Einwände der AKW-Gegner, das ist bloßes Geschwätz."

Immerhin verlangen die Regierungen Deutschlands und der Schweiz seit Jahren und mit Nachdruck die Stilllegung von Fessenheim. Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks erinnerte kürzlich daran, dass der Südwestwind die radioaktiven Wolken nach einem Unglück direkt nach Stuttgart tragen würde.

Schwankender Präsident

Im Dreiländereck wird seit Jahren gegen Fessenheim mobilisiert. 2014 drangen 56 Greenpeace-Aktivisten in das AKW-Gelände ein, um vor den Risiken der ältesten "centrale nucléaire" Frankreichs zu warnen. Eine laufende, von 28.000 Personen unterzeichnete Petition – eine von vielen – rechnet vor, dass bei einem "Fukushima-Szenario" eine Million Menschen unter anderem aus Mulhouse, Colmar, Freiburg oder Basel evakuiert werden müssten. Die Vorbeugung beschränkt sich auf die gelegentliche Verteilung von Jodtabletten.

2012 hatte der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande dem Drängen der grünen Koalitionspartner nachgegeben und in Punkt 41 seiner Wahlversprechen schwarz auf weiß festgehalten: "Ich werde das AKW Fessenheim abschalten." Einmal im Élysée, nannte er als Schließungstermin des dienstältesten und umstrittenen Meilers "Ende 2016".

Im Dorf und im AKW Fessenheim hat Hollande seither nicht mehr viele Freunde. Vor dem hübsch begrünten Rathaus hängt ein Transparent über die Straße: "AKW geschlossen, Einwohner und öffentliche Dienste geopfert." Gegenüber meint die Bäckerin, im Fall einer Werkschließung würden nicht nur Hunderte von EDF-Angestellten das Dorf verlassen, sondern auch die Boulangerie und die Kleinläden dichtmachen. Was sie nicht sagt: Électricité de France (EDF), der mächtige staatliche Energiekonzern, würde dann kaum mehr, wie bisher, 70 Prozent des Gemeindebudgets tragen.

Unentschlossenes Gesetz

Vor dem Reaktorgelände prangt ein Transparent, das 600 AKW-Befürworter bei einer Demo bis in das zwei Kilometer entfernte Dorf getragen hatten: "Das AKW Fessenheim ist sicher, es soll von Dauer sein." Gegenüber Journalisten ist das Personal so wortkarg wie die Direktion. Ende 2012 verweigerten Gewerkschafter einem Regierungsgesandten aus Paris mit einer Menschensperre den Zutritt.

Seither ist viel Wasser den Rheinkanal hinabgeflossen. Die Stilllegung von Fessenheim war für Hollande Teil eines umfassenden Energiekonzeptes, das den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion von heute 75 Prozent auf 50 Prozent senken will. Ein gigantisches Unterfangen. Ein "Energiewende-Gesetz" sollte es 2015 umsetzen.

Als Mittel zur CO2-Reduktion wird die Wind- und Sonnenenergie genannt. Und die Atomkraft. Deren Produktion wird in dem Gesetz plafoniert – allerdings auf 63,2 Gigawatt im Jahr, gleich viel wie heute. "Damit könnten alle 58 Atomreaktoren am Netz bleiben", erboste sich Greenpeace und rechnete vor, dass Frankreich nicht nur Fessenheim schließen müsse, sondern 15 weitere Meiler, wenn es die Atomstromproduktion wirklich auf 50 Prozent herunterfahren möchte.

Und weiter floss das Wasser an Fessenheim vorbei den Rhein hinab. Umweltministerin Ségolène Royal sagte, die Laufzeit des französischen AKW-Parks solle um zehn auf 50 Jahre verlängert werden. Und für den Fall, dass Fessenheim trotzdem geschlossen werde, drohte EDF mit Entschädigungsforderungen an den Staat in Höhe von vier Milliarden Euro. Darauf meinte Royal, Fessenheim könne erst abgestellt werden, wenn in Flamanville (Normandie) der neuartige Druckwasserreaktor EPR, die dritte AKW-Generation, fertig gebaut sei.

Das wird frühestens 2018 der Fall sein – wenn Hollandes Amtszeit abgelaufen ist. Dass der unpopuläre Präsident wiedergewählt wird, ist unwahrscheinlich. Die konservativen Präsidentschaftskandidaten erklären, sie würden das AKW Fessenheim nicht stilllegen. Alain Juppé hielt dies sogar schriftlich in einem Brief an Parteifreund Brender im Rathaus von Fessenheim fest.

Hollandes Versuch, sowohl die nationale Nuklearindustrie als auch die Umweltschützer zufriedenzustellen, wird zum Desaster. Die grüne Partei EELV ist wütend aus der Regierung ausgetreten, und die verunsicherten Atomkonzerne EDF und Areva sind in eine schwere Krise geschlittert.

Absurde Lage

Mit dem Nahen der Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 will Hollande wenigstens noch einen formellen Schließungsentscheid durchdrücken. Im August drängte er die EDF – an der der französische Staat mit 85 Prozent der Anteile das Sagen hat – zu einem Abfindungsvertrag von vorerst 400 Millionen Euro für die Fessenheim-Abschaltung. Mitte September soll die AKW-Belegschaft über das Stilllegungsdekret informiert werden.

Gewerkschaften und EDF-Chef Jean-Bernard Lévy setzen aber alles daran, die Termine hinauszuzögern. Und selbst wenn es Hollande gelingen sollte, das Fessenheim-Dekret noch vor Mai 2017 zu unterzeichnen, sind die Folgen umstritten: Juristen sind uneins, ob ein neuer Präsident das Dekret einfach aufheben könnte – oder das Genehmigungsverfahren neu beginnen müsste.

Auch im Elsass ist niemand glücklich mit der Situation. Fessenheims Bürgermeister Brender ereifert sich über die "absurde Lage", die das AKW und seine Gemeinde zum Spielball ferner Pariser Interessen mache.

Auf der Gegenseite klagt Aline Baumann vom Verein Stop Fessenheim über das "politische Rumgedruckse". "Während Italien, Österreich, die Schweiz und Deutschland ihre Energiepolitik mutig revidiert haben", meint die Vereinspräsidentin, "ist Frankreich schlicht unfähig, aus der Atomkraft auszusteigen." (Stefan Brändle, 11.9.2016)

  • Tauziehen um Frankreichs ältesten Atomreaktor: An der Schließung von Fessenheim beißt sich der Staatspräsident bisher die Zähne aus.
    foto: apa / afp / sebastien bozon

    Tauziehen um Frankreichs ältesten Atomreaktor: An der Schließung von Fessenheim beißt sich der Staatspräsident bisher die Zähne aus.

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