Wiener Ärztestreik für Pflegepersonal "nicht nachvollziehbar"

8. September 2016, 18:25
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Stimmung in Wiener Spitälern "völlig auf der Kippe" – Zahlreiche Operationstermine am 12. September sind bereits verschoben worden

Wien – Der geplante Streik der Wiener Ärzte am kommenden Montag verunsichert im Vorfeld die Patienten der Spitäler. "Wenn ein Termin für den Tag vereinbart wurde, muss er auch stattfinden", heißt es auf Anfrage aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Gegenteiliges passiert aber etwa auf der onkologischen Ambulanz eines großen Wiener Spitals: Dort wurden sämtliche ambulanten Termine der Krebsstation abgesagt, bestätigt auch der KAV, der das konkrete Spital aus Schutzgründen nicht nennen wollte.

Einfluss auf Patientenbetreuung

Dass der Streik Einfluss auf die Patientenbetreuung hat, dessen ist sich der KAV sicher. Zwar sei noch unklar, wie viele der Ärzte nicht zur Arbeit kommen werden, Operationstermine seien aber bereits verschoben worden. An einem Montag zählt man gewöhnlich sieben Operationen in einem bestimmten Wiener Spital auf der Gynäkologie. Kommenden Montag werde auf derselben Station keine Operation durchgeführt.

In einem anderen Haus gebe es für gewöhnlich zehn, am 12. September nur eine Operation. "Betrieb wie an einem Feiertag", nennt es die Wiener Ärztekammer. Udo Janßen, Generaldirektor des KAV, entgegnet, dass an Feiertagen weder Ambulanztermine vergeben, noch Operationen angesetzt würden.

"Keinesfalls Dienst am Dienstort" antreten

Für den Streiktag schickte die Ärztekammer zudem eine dem STANDARD vorliegende E-Mail aus, "keinesfalls den Dienst am Dienstort" anzutreten. Und: "Bitte keinerlei Eintragungen in Absenzenbücher oder ähnliches machen". Die Rechtsabteilung der Ärztekammer habe alle Ärzte bis auf die Dienstmannschaften dem KAV schriftlich als streikbedingt absent gemeldet.

"Stimmung völlig auf der Kippe"

Der drohende Streik hat sich bereits in vielen Spitälern auf das Betriebsklima zwischen den Berufsgruppen ausgewirkt. "Die Stimmung ist völlig auf der Kippe, so schlecht war sie noch nie", beschreibt es eine langjährige Pflegerin in einem großen Spital. Das Vorgehen der Ärzte sei "nicht nachvollziehbar", der Unmut beim Pflegepersonal werde "immer größer", sagen zwei leitende Pfleger aus anderen großen Spitälern. Sie bitten im STANDARD-Gespräch darum, anonym bleiben zu können, um die direkte Kooperation mit den Ärzten im Spital nicht noch weiter zu beschädigen.

Pflege übernimmt Aufgaben

Alle drei verweisen darauf, dass das Pflegepersonal zuletzt zahlreiche Aufgaben der Ärzte übernommen hat. Darunter fallen Blutabnahmen, Untersuchungen vorbereiten, EKG-Schreiben oder Infusionen anhängen. Die Ärzte seien für andere Tätigkeiten entlastet worden und es habe im Rahmen der vertraglichen Einigung mit der Stadt eine empfindliche Grundgehaltserhöhung für Ärzte gegeben. "Das Jammern der Ärzte versteht niemand", sagt eine Pflegerin.

Nachtdienstreduktionen, wie im Deal zwischen Ärzten und der Stadt vereinbart, seien für das Pflegepersonal nachvollziehbar. So würden Zeitressourcen in den Tag verlegt, was Patienten zugutekäme. Dieser Plan würde von einigen Ärzten aber "klar boykottiert". Eine potentielle Patientengefährdung während der Nachtstunden konnte von keinem der drei Pfleger bestätigt werden. (Oona Kroisleitner, David Krutzler, 8.9.2016)

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