Schauspielhaus Wien: Sprechende Sterne, befreite Bauern

8. September 2016, 16:27
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Eröffnung der Spielzeit mit einer Adaption von Kubins "Die andere Seite"

Wien – Einen prognostizierten Besucherschwund, der Häuser mit neuer Leitung für gewöhnlich anfänglich ereilt, konnte das Schauspielhaus Wien in seiner ersten Spielzeit unter Tomas Schweigen abwenden. Gar einen "leichten Auslastungsanstieg" auf 83 Prozent verzeichnete Geschäftsführerin Rita Kelemen bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Das seien bei 226 Vorstellungen rund 20.000 verkaufte Karten. Mitzubedenken sind in dieser Rechnung die aufgrund veränderter Bühnensituationen in vielen Vorstellungen reduzierten Sitzplatzkontingente.

Bestärkt vom Publikumszuspruch (eine lose Umfrage ergab: 50 Prozent sind jünger als 30 Jahre) geht das Schauspielhaus den eingeschlagenen Weg weiter: Autoren- und Ensembletheater im Ensuite-Betrieb. Eröffnet wird die Spielzeit am 29. September mit Traum Perle Tod!, einer sehr freien, auch musikalischen Adaption von Alfred Kubins Roman Die andere Seite, einem Schlüsselwerk der deutschsprachigen Surrealisten (Regie: Schweigen).

Eine illustre Figurenrunde – von Georg Büchner bis Arabella Kiesbauer – versammelt Thomas Köck in seinem, dem gleichnamigen Bauernbefreier gewidmeten Stück Kudlich (Uraufführung am 25. 11.). Den Parforceritt durch die Restaurationszeit, der in Zusammenarbeit mit der österreichischen Theaterallianz entsteht und dem somit 40 Vorstellungen beschieden sind, inszeniert Marco Storman (im Vorjahr: Strotter).

Mit einem "begehbaren Beziehungsgemälde" (Dramaturg Tobias Schuster) knüpft Thomas Bo Nilsson an die raumgreifende Vorjahresarbeit Cellar Door an, jetzt im Kammerspielformat (1. 12.). Es folgt im Jänner die Uraufführung der Nachwuchsautorin Miroslava Svolikova, Gewinnerin des Retzhofer Dramapreises und des Hans Gratzer Stipendiums. Hologramme, Teesiebe und sprechender Speichel spielen eine Rolle im Stück mit dem prosaischen Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt (Regie: Franz-Xaver Mayer).

Die Norwegerin Lisa Lie befasst sich anhand des Kaspar-Hauser-Topos mit dem Verhalten von Mehrheitsgesellschaften. Eine Abordnung aus Gießen (Fux) überprüft das Genre der Doppelconférence (Frotzlerfragmente). Ivna Zic fördert in Blei vergrabene kärntner-slowenische Geschichte zutage. Robert Misik und Milo Rau bereiten schließlich ein partizipatives Projekt über Demokratie vor (Agora). Wieder aufgenommen werden Imperium (nur 11./12. 10.) und Città del Vaticano. (afze, 8.9.2016)

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