"Geld": Der ewig junge Blues der Warenhäuser

8. September 2016, 16:07
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Bei der Ruhrtriennale gibt es die zweite Teilstrecke eines Zola-Marathons zu bewundern. "Das Geld. Trilogie meiner Familie" hatte in der Regie von Luk Perceval Premiere: ein äußerst vielfältiges Panorama der Moderne

Kann so etwas gutgehen? Ein zwanzigteiliges Romanprojekt, Émile Zolas Die Rougon-Macquart. Naturgeschichte einer Familie, also mehr als 13.000 Seiten, auf die Bühne zu bringen. Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich der belgische Regisseur Luk Perceval ein solches Mammutvorhaben zutraut. Sein aus acht Königsdramen Shakespeares für die Salzburger Festspiele 1999 gebautes Spektakel Schlachten! hat Theatergeschichte geschrieben, 2007 folgte in Salzburg dann, aus vier Komödien zusammengesetzt, Molière. Eine Passion.

Wie eine Soap

Die erste Staffel des neuen Zola-Projekts, mit Liebe überschrieben, konnte bereits letztes Jahr in der Ruhrtriennale durchaus überzeugen. Zu beobachten ist – wie in einer Fernsehsoap – das Auf und Ab miteinander zumindest durch Zufälle verbundener Familien der Unter- und Oberschicht, die trotz aller Auflehnung und Abgrenzung immer wieder in die gleichen familiären, nach Zola genetisch bedingten Muster von Abhängigkeit und Sucht zurückfallen.

Die Bühne von Annette Kurz ist in diesem Projekt eine große hölzerne Bodenwelle, an manchen Stellen gefährlich abschüssig, sodass man sich mit einem Seil absichern muss. Fernsehserie, Theater und Zolas "wissenschaftlicher Roman" kommen einander verblüffend nahe, zumal das hochkarätige, seit sieben Jahren wunderbar aufeinander eingespielte Ensemble des Thalia-Theaters sogleich vertraut erscheint. Für den zweiten Teil schlüpft es in neue Rollen, nur Joachim Bissmeier als Arzt Pascal, ein Forscher der Vererbungslehre, stellt einen direkten Bezug zum ersten Teil her und wartet auch nun weiterhin sterbend auf seine geliebte Nichte.

Handel und Wandel

Auf der hölzernen Bodenwelle sind nun im zweiten Teil viele alte schwarze Schreibmaschinen gelagert. Es geht um Börsenkrach, die Gründung von Warenhäusern, die den Einzelhandel verdrängen, um globale Spekulationen in den Panama- und Suezkanal oder das Eisenbahnnetz in Syrien. Kompiliert ist dieser zweite Teil vor allem aus den Romanen Nana, Paradies der Damen und Geld.

Über Abgründe geturnt wird etwas weniger, doch die Szenenfolge ist viel rasanter und verschiebt sich daher manchmal ein wenig zu sehr in die kulturgeschichtliche Belehrung. Geld – durchaus positiv als lustvolle Leidenschaft, aber auch als Mittel der Zerstörung, als selbstberauschende Droge und als Erniedrigung gleichermaßen.

Der kluge, manchmal doch kokett selbstmitleidige Egomane Saccard (Sebastian Rudolph) – Zolas Börsenspekulant und der Inhaber des Kaufhauses Mouret sind bei Perceval ein und dieselbe Person – will auch die von Kündigungen bedrohte Angestellte vom Land, die bekennende Marxistin Denise (Patriycia Ziokowska), für sich gewinnen.

Prügel und Gesang

Saccard steht die Straßendirne und spätere Operettenstar Nana (Maja Schöne) gegenüber, nicht nur für den Theaterkritiker auf der Bühne (Thilo Werner) eine schlechte, unmusikalische Schauspielerin, so scheint es. Was in ihr vorgeht, wird nicht deutlich. Verprügelt von ihrem jugendlichen Liebhaber Hector (Pascal Houndas), demütigt sie den ihr verfallenen Förderer, den Grafen Muffat, als unheimliche Erscheinung gespielt von Barbara Nüsse. (Dessen Frau hat wieder ein Verhältnis mit Saccard und so weiter und so weiter)

Dass die Premiere in der Gießereihalle Duisburg vor einem riesigen Hochofen, in dem die Musiker herumklettern, stattfindet, ist nicht zwingend. Die Produktion wird ab Oktober ins Repertoire des Hamburger Thalia-Theaters übernommen. Aber der Hintergrund der monströsen, alten, stark verrosteten Maschinen verweist nachdrücklich auf eine Zeit, in der all die hochaktuellen Finanzkrisen im Keim schon angelegt erscheinen.

Im nächsten Jahr soll unter dem Titel Hunger, ausgehend von Zolas Germinal, unter Tage gespielt werden. Man wird dann an einem Tag die gesamte Strecke des Zola-Marathons durchlaufen können. (Bernhard Doppler, 8.9.2016)

  • Nana (Maja Schöne, im Vordergrund) dient sich als Straßendirne empor in die lichten Sphären der Operette: Émile Zolas Romanstoff zündet als Theater-Soap bei der Ruhrtriennale in Duisburg.
    foto: smailovic/ruhrtriennale

    Nana (Maja Schöne, im Vordergrund) dient sich als Straßendirne empor in die lichten Sphären der Operette: Émile Zolas Romanstoff zündet als Theater-Soap bei der Ruhrtriennale in Duisburg.


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